Regionale Initiative stärkt Produktion von Heumilch

Mitten in der Woche saßen 29 Personen im Gastraum der Schaukäserei in dem Ort Wiggensbach im Allgäu, circa 10 Km von Kempten entfernt. Erstaunlich, denn die öffentlichen Führungen finden Mittwochs morgens, um 10:30 statt. Der Ort hat

circa 4800 EinwohnerInnen, hat eine 1000 Jahre alte Kirche, drei Gastwirtschaften wie es hier heißt, eine Pizzeria, ein Co-working space, einen kleinen und einen mittelgroßen Supermarkt, eine Grundschule und eben eine Käserei. Man sieht durch das große Sichtfenster im Gastraum große Behälter aus Stahl. Eine junge Frau erklärt den Prozess der Herstellung der Heumilchprodukte und führt durch die Produktionsräume. Sie beschreibt die Geschichte der Schaukäserei Wiggensbach.

2003 gründeten 8 Landwirte eine Genossenschaft zur Milchproduktion, zunächst angesiedelt in Leutkirch. Seit 2017 befindet sich die Käserei in Wiggensbach. Neben dem Direktverkauf gibt es Restauration mit der Möglichkeit zu frühstücken, Kässpatzen zu essen und Käsekuchen zu verzehren. Auch ein webshop fehlt nicht. Die Schaukäserei beschäftigt derzeit 70 MitarbeiterInnen. Der interaktive Flyer beschreibt den Betrieb als CO2-neutral.

Die Genossenschaft hat die Verarbeitung der Heumilch  zwischen 2003 und 2024 von circa 1,2 Millionen Liter auf 4,4 Millionen Heumilch gesteigert. Die Käserei wird von 22 LandwirtInnen (Stand Juni 2025) beliefert. Es wurden zwei Ziegelkeller gebaut. Diese sorgen für gleichmäßige Temperatur und Feuchtigkeit bei der Lagerung von Tausenden Käseleibern. 2020 kam eine Wärmeschaukel dazu, was zu einer deutlichen Stromeinsparung führte. Die Käserei erzeugt mit ihrer Photovoltaikanlage selbst Strom.

Der Begriff Heumilch ist EU-rechtlich geregelt.  Die Tiere bekommen kein Silage Futter, sondern fressen Gras oder Heu. Sie bekommen nicht verarbeitetes Salz. Auf diese Weise werden der zusätzliche Anbau von Tierfutter sowie Transportwege eingespart. Nach der Verordnung müssen die Tiere an 120 Tagen im Jahr im Freien sein. Die Hörner der Rinder werden belassen. Das erspart ihnen große Schmerzen. Teilweise arbeiten die Landwirte und Landwirtinnen mit hornlosen Rassen.

Alle Schritte der Käseherstellung erfolgen vor Ort in der Schaukäserei. Die Pasteurisierung, also das Erhitzen auf 72 Grad Celsius sorgt für eine Reduzierung von schädlichen Keimen. Durch das Zentrifugieren wird der Fettgehalt bestimmt.  Anschließend werden Milchsäurebakterien zugefügt, sowie das Lab aus Kälbermägen. Die sogenannte Harfe zerteilt den entstehenden Käse in gleich große Käsebruchstücke. Daraufhin geht die Vorform des Käses durch ein Lochsieb. In seiner endgültigen Form wird der Käse dann in den Ziegelkellern gelagert. Das konstante Klima ist für die Reifung der Käseleiber sehr wichtig.

Nach den Statistiken des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) ist Bayern das Bundesland mit der höchsten Produktion von konventionell produzierter Milch. Es liefert 3 Millionen Tonnen Milch. Immerhin 10 %, nämlich 300 000 Tonnen aus Bayern werden ökologisch/biologisch produziert. Das heißt, die Landwirte der Käserei Wiggensbach liefern knapp 1,5 % der bayrischen ökologischen, biologischen Rohmilch.

Die Homepage der Käserei in Wiggensbach führt die landwirtschaftliche Betriebe allesamt als Familienbetriebe auf. Ein Betrieb wird sogar in 7. Generation geführt. Die Rinderzahl der Betriebe variiert von 10 bis 95 Kühen. Die Hektarzahl von drei Höfen, die diese Angabe machten, bewegte sich zwischen 44 und 75 Hektar.

Das Voralpenland wirkt mit seinen unendlichen welligen Grasteppichen immer wieder betäubend durch seine Farbe. Wo man hinsieht, grüne Flächen im hügeligen Allgäu. Die verstreuten Höfe scheinen in diese Landschaft eingepasst.  Das Prinzip des „Unter einem Dach leben“ von Mensch und Vieh ist gut zu erkennen. Im rechten Winkel zum Wohnhaus ist in der Regel die Scheune mit seiner Hocheinfahrt zu sehen. Meistens besteht diese aus angehäufter Erde bis zum ersten Stock des Hofes.  Über diese Hocheinfahrt können die Traktoren das Heu und das Stroh einbringen. Diese Hofform wird weiterhin für die Produktion von Heumilch geeignet sein.

Und wer bei der Präsenzführung in der Schaukäserei Wiggensbach nicht alles auf Anhieb verstanden hat, kann auf dem interaktiven Flyer der Schaukäserei Wiggensbach die Verständnislücken nochmal nacharbeiten.

CATHERINA STAUCH  PHOTO CATHERINA STAUCH

Zum Weiterlesen

https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/oekologischer-landbau/kontrolle-oekologischer-landbau.html

https://www.schaukaeserei-wiggensbach.de/startseite




Einzelkämpfertum in den Behörden überwinden

Der Film „Akte Integration“ von Souad Lamroubal, bereits bekannt durch ihr überaus humorvoll und ironisch geschriebenes Buch „Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ hatte am 5. Juni über 30 Personen in die Volkshochschule Kleve gezogen. Professor Andreas Zick, Sozialpsychologe an der Universität Bielefeld, führte in die Konzepte der Akkulturation in der Migrationsforschung ein. Die Integration sei in Deutschland häufig sehr gut gelungen. Jedoch reiche dies nicht aus.  Neben der gesellschaftlichen Teilhabe müsse eine kulturelle Anerkennung von immigrierten Menschen stattfinden.

Die Welt stand still

Der Film zeigte Beispiele der Auswirkung der Gesetze auf Menschen, die seit vielen Jahren in Deutschland leben. Die gesetzlichen Formalitäten der Einbürgerung sind häufig absurd. So hielt ein Mensch nach 15 Jahren in Deutschland,  plötzlich ein Schriftstück in der Hand, das ihm mitteilte, dass er abgeschoben werde. Obwohl er einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachging und  mit der Mutter seiner Kinder zusammenlebte, sollte er das Land verlassen. Infolge dieser Benachrichtigung musste er seinen Arbeitgeber benachrichtigen. Die Welt stand still für die Familie.  Mit der Heirat wurde zwar sein Aufenthalt formal legal. Allerdings verlangte die Behörde, dass der Betroffene  aus- und wieder einreisen solle, um so einen korrekten legalen Status zu erhalten. Die Familie hatte Angst, nicht wieder einreisen zu dürfen. Sie verlangte von der Ausländerbehörde eine Vorabzustimmung, um wieder in die BRD einreisen zu dürfen. Die bereits in der BRD verbrachten Jahre wurden hierdurch auf dem Papier annulliert.

Das BAMF braucht Aufsicht

In der Diskussion zeigte sich, dass viele TeilnehmerInnen der Veranstaltung in der behördlichen Flüchtlingsarbeit tätig waren. Unzählige Begriffe aus der Bürokratie fielen: Ausbildungsduldung bei unbegleiteten Jugendlichen, Identitätsklärung, Passersatzpapiere, Fiktionsbescheinigung, Versagung. Es gab etliche Beschreibungen über behördliche Untätigkeiten. Zuständigkeiten seien oft unklar. Die Versuche der Kontaktaufnahme mit anderen Behörden könnten häufig nur noch als staatliche Verweigerung beschrieben werden. Professor Zick forderte eine Kontrolle des Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Diese Institution funktioniere nicht. Sie müsse unter eine staatliche Aufsicht gestellt werden, forderte er.

Es ist was Neues da

Die Veranstaltung legte offen, dass das behördliche Zusammenspiel in Deutschland schlecht ist. Hoch motivierte MitarbeiterInnen könnten sich als EinzelkämpferInnen häufig nicht durchsetzen. Andererseits sei, laut Professor Zick, das Angebot für ImmigrantInnen gut. Allerdings seien die Potentiale der Einwanderung für die deutsche Gesellschaft insgesamt nicht klar. Er forderte, dass Scouts durch das Land reisen sollten und  dass die Potentiale der Einwanderung untersucht und quantifiziert werden sollten. Souad Lamroubal, selber Kommunalbeamtin, beschrieb die Situation in Deutschland so: „Es ist was Neues da. Und diese Vielfalt braucht Würdigung auf vielen Ebenen“.

Die Empfehlungen der Regisseurin und des Wissenschaftlers waren:

1. Das Einzelkämpfertum in den Behörden muss überwunden werden. Begegnungsräume sollten geschaffen  werden für und von Menschen, die sich mit behördlichen Zumutungen tagtäglich beschäftigen.

2. Es müsse eine Vernetzung mit der Gesellschaft erfolgen.

3. Biografiearbeit sollte verstärkt in den Fokus der Gesellschaft kommen, um Verständnis in den Prozessen der Akkulturation zu schaffen.

4. Zudem wurde sehr konkret empfohlen, Härtefälle in den Petitionsausschuss des Landtages zu geben und Untätigkeitsklagen gegen die Behörden in Betracht zu ziehen.

5. Scouts sollten durch das Land ziehen und die ungenutzten Ressourcen der immigrierten Menschen evaluieren.

Der Titel des Films „Akte Integration“ zeigt es deutlich: Es geht um behördliche und zivilgesellschaftliche Vorgänge. Es war eine Veranstaltung, die nach zwei weiteren Veranstaltungen rief: eine Veranstaltung sollte den behördlichen Wirrwarr darlegen sowie die nicht funktionierenden Schnittstellen zwischen den Behörden transparent machen. Zum anderen sollten die sozialpsychologischen Folgen für die gesamte Gesellschaft in einer weiteren Veranstaltung gezeigt werden, insbesondere mit Fokus auf die Medien.

CATHERINA STAUCH

Photo mit Genehmigung von Souad Lamroubal und Andreas Zick

Zum Weiterlesen:

Souad Lamroubal: Yallah Deutschland, wir müssen reden! ISBN 978-3-8012-0636-9 beim Dietz Verlag

Professor Andreas Zick, Leiter des Instituts für Gewalt- und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld

Die Veranstaltung wurde organisiert durch die Caritas (Kleve und Geldern) mit Unterstützung der vhs Kleve, der Integrationsagenturen NRW und dem Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein Westfalen.

 




C_ the Unseen – neue Bilder in den Kopf

Chemnitz_die Ungesehene, dieses Motto passt tatsächlich. Wer kennt diese Stadt? Liest man sich den wikipedia Artikel über Chemnitz durch, staunt man, welche Bedeutung diese Stadt als Industriestandort über Jahrhunderte hatte.  Auch die Nähe zum Erzgebirge war für Chemnitz während der letzten Jahrhunderte bedeutend. Und wer war schon in Chemnitz? Den Namen Chemnitz kennt man. Karl-Marx Stadt hieß Chemnitz zu DDR-Zeiten. 1990, also nach der Wende

wurde die Stadt zurückbenannt. 

Die wichtigsten Produkte aus Chemnitz waren Lokomotiven und Textilmaschinen. Man sagte, in Chemnitz wird gearbeitet und produziert,  in Leipzig gehandelt und in Dresden wird der Gewinn verprasst. Selbst als Westdeutsche weiß ich, dass Leipzig bekannt ist für seine Messen und Dresden für seinen Barock. Aber Chemnitz? Also los zu C_the Unseen, nach Chemnitz, die europäische Kulturhauptstadt 2025.

Alte Bilder im Kopf

Wer nicht regelmäßig in die östlichen Bundesländer dieser Republik fährt, hat die Veränderungen der letzten Jahrzehnte nicht wahrgenommen. Man hat noch das Bild der grauen, nicht renovierten Häuser in den Dörfern und der löchrigen Fassaden der Miethäuserreihen, erlitten durch die Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieg im Kopf. Man denkt an holprige Autobahntrassen. Meine inneren Bilder ostdeutscher Städte zeigen mir wenig Buntheit, wenig Lebensfreude in den Gesichtern, wenig Tanz, wenig Kunst, wenig Experimentierfreude im Straßenbild. Aber ich reise wenig. Ich habe die Veränderung der letzten zwei bis drei Jahrzehnte nicht erlebt. Auch Menschen aus dem Westen, die in den ersten Jahren nach der Wende 1989 in die neuen Bundesländer gereist sind, haben ein graues Chemnitz im Kopf. ChemnitzerInnen selbst erinnern sich an eine dachlose St. Jacobi Kirche in der Innenstadt. Viele Jahre musste diese Kirche ohne Dach leben, erzählen sie.

Neue Bilder in den Kopf

Schon die Hinfahrt durch Thüringen mit Stippvisite in Weimar war eine schöne Überraschung. Hügelige grüne Landschaften, vollständig renovierte Häuser, gute Straßenverhältnisse. Ich kannte die ländliche Gegend des Ostens nicht. Zwei Stunden in Weimar: Intakte Häuserzüge, grüne Plätze, die Wohnhäuser unserer „Nationalheiligen“ Goethe und Schilder und auch heilig: „In diesem Hause gab sich das deutsche Volk durch seine Nationalversammlung die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919″. Eine Verfassung auch für Frauen. Das Frauenwahlrecht wurde einführt. „Weimar, I`ll be back…“

Und dann Chemnitz: Der erste Eindruck war: die Stadt ist grün. Das wurde von einer seit 20 Jahren in Chemnitz lebenden Einwohnerin vehement bestätigt. Parks, Gärten und Anlagen unterbrechen den städtischen, steinernen Eindruck. Sie laden zu städtischer Erholung im grünen Schatten ein. Breite Straßen, renovierte Häuserfassaden, interessante Skulpturen, viele Sitzplätze, viel Außengastronomie, blühende Kirschbäume, renovierte Industriebauten. Bürgerhäuser und viele Hinweise auf Museen, Sportstätten, Hochschulen, Krankenhäuser sehen wir vom städtischen Bus aus. Die berüchtigten Plattenbauten, die es durchaus auch im Westen der Republik gibt, haben ebenerdig Geschäfte und Restaurant. Zwischen den Riegeln der Wohnblöcke sind Parks angelegt. Alles wirkt bewohnt. Man schlendert auf breiten Bürgersteigen, in breiten Fußgängerzone, trifft immer wieder auf große und kleine Plätze mit einladenden, bunten Sitzplätzen, die eine angenehmerGepflegtheit ausstrahlen. Man möchte flanieren.

Die alten Bilder einer alten grauen „Oststadt“ sind hinfällig. Chemnitz ist attraktiv. Attraktiv durch die Menschen, attraktiv durch städtische Gestaltung des öffentlichen Raumes. Viermal wurden wir in 24 Stunden angesprochen: „kann ich Ihnen helfen?“ Und hieraus ergaben sich freundliche und informative Gespräche.

Chemnitz C the Unseen. Wer hat sich diesen genialen Titel ausgedacht?

Wie schreibt man über Menschen, wenn man die Menschen nicht kennt? Man kann doch nicht über einen Menschenschlag schreiben, oder? Wenn ich über meinen eigenen Menschenschlag schreibe, sind es subjektive Erfahrungen. Schreibe ich  über einen anderen Menschenschlag,  sind es Zufälle, die die Beschreibung färben. Über „die Italiener“ oder „die Spanier“ spricht man und schreibt man. In der Regel sind es aus deutscher Sicht positive Stereotype, die man nutzt, um die Menschen vom Mittelmeer zu beschreiben.

Aber über einen Menschenschlag in Deutschland zu schreiben, dessen Stadt ich nur 2 Tage besucht habe? Geht das? Wenn mich Menschen in einer fremden Stadt ansprechen und fragen, ob sie mir helfen können und das mehrfach passiert, hinterlässt es gute Gefühle für die mir unbekannte Stadt. Man bekommt ein Bild der Stadt hierdurch. Wenn ich mich erfreut über eine Stadt äußere, in der ich zu Besuch bin, hinterlasse auch ich Spuren bei den EinwohnerInnen. Ich dachte, nur in Italien kann man sich mit unbekannten Menschen unterhalten. Nein, das geht auch in Chemnitz in höchst interessanter, amüsanter und ungeplanter Weise. Zum Beispiel der Rote Turm, wurde uns erzählt, dient als Vorbild für die Form eines Geschirrspülmittels, namens Fit. Der Rote Turm stammt aus dem 12. Jahrhundert und steht heute isoliert zwischen Bauten aus dem 20. Jahrhundert. Die Innenstadt von Chemnitz wurde zu 80 % im 2. Weltkrieg zerstört. Das archäologische Museum sei sehr informativ, man habe die Ausstellungsfunde aus anderen sächsischen Städten übernommen, erzählten mir die Straßenbekanntschaften aus Chemnitz. Nicht nur Dresden muss alle Ausstellungsfunde haben, sagte man, auch Chemnitz soll Exponate haben. Man spürt die unterschwellige Konkurrenz zu Dresden.

Die ChemnitzerInnen

Sie haben sich etwas einfallen lassen. Zum Beispiel die Chemnitzer Garagen. Das soziale Miteinander in der Karl-Marx Stadt der DDR spielte sich in jener Zeit auch in Garagen ab. Die ChemnitzerInnen haben sich daran erinnert und diese sozialen Räume für die Europäische Kulturhauptstadt zugänglich gemacht. Vieles geschah in den Garagen. Es gebastelt, repariert, gegrillt und gesprochen. Die ehemaligen Sterngaragen von 1928 sind erhalten. Der Garagenhof Harthweg steht inmitten von Schrebergärten, und Tennisclub. Grasgrüne Trichter weisen den Weg in diese Garagenwelten.

Für die europäische Kulturhauptstadt wurden sogenannte Interventionsfläche geschaffen. Unter großer Bürgerbeteiligung wurden Brachflächen oder unbeachtete städtische Räume wieder nutzbar gemacht. 8 Bürgerplattformen erhielten jeweils 325 000 Euro. Mit diesem Geld sanierten sie Vereinsräume, gestalteten Parks oder Spielplätze. Auch der Marktbrunnen „Manifold“ von Daniel Widrig, einem Stapel ungleich großer Unterlegscheiben aus Stahl ähnlich sehend, war Teil dieser Projekte. Dieser Brunnen steht vor dem Rathaus. Der Gegensatz zur eher abstrakten Kunst bildet der riesige Kopf von Karl Marx vor einem Plattenbaublock. Die Größe dieses Kopfes wirkt ironisch. Im Park vor dem Kopf fast ein wenig peinlich anzusehen im Zeitalter der Inklusion und Diversität: Die skulpturale Darstellung überlebensgroßer, sehr gesunder Körper mit dem Titel: Würde, Schönheit und Stolz des Menschen im Sozialismus (von Gerd Jaeger, 1974). Hinter dem „Nischel“, dem Karl Marx Kopf höre das öffentliche Leben auf, sagte man uns. Hinter diesem Häuserblock sei keine positive, menschliche Belebung gelungen. The Unseen?

2025 zählt Chemnitz circa 240 000 EinwohnerInnen. Müsste ich mich zwischen Städten von ähnlicher Einwohnerzahl wie Kiel oder Kassel entscheiden, würde ich mich wahrscheinlich für Chemnitz entscheiden. Es gibt so viele Initiativen der ChemnitzerInnen, dass man stündlich neugieriger wurde zu erfahren, was noch alles geschaffen worden ist und wie gelebt wird.

„Ich denke immer an den Himmel, den ich über mir sah als ich nach Chemnitz zog und in die Jacobikirche ging“ sagte eine Einwohnerin. Die durch Bombardierung beschädigte St. Jakobikirche hatte über Jahrzehnte, auch nach der Wende, kein Dach. Die Säulen der Gewölbe lagen herum. Jetzt ist sie renoviert und dient als Kulturstätte für Konzerte, Ausstellungen, Gebete, Gottesdienste. Chemnitz, ich komme wieder. 48 Stunden waren viel zu wenig. Aber für einen höchst positiven Eindruck hat es gereicht. „it is not the Unseen anymore…“.

CATHERINA STAUCH PHOTO CATHERINA STAUCH (aus dem Hartmanngebäude heraus fotografiert)

Zum Weiterlesen

www.wikipedia

www.chemnitz.de/interventionsflaechen

www.parcours.chemnitz2025.de

www.garagen-campus.de/campusgeschichten




Doppelleben mit Weinglas

Weingläser haben Stil und sie haben einen Stiel. Der Anblick eines Weinglases versetzt einen in eine abwartende Haltung. Welcher Geschmack erwartet mich, wenn ich aus dem gestielten Glas trinke? Wie sieht das Getränk aus und was verheißt es? Das Weinglas muss etwas vorsichtiger als das Wasserglas ergriffen werden. Der Mund nähert sich mit Bedacht. Wein mit hoch erhobener Hand und zurückgelegtem Kopf zu trinken ist lächerlich. Das ist eine Körperhaltung zur Löschung des Durstes. Den Inhalt im Weinglas schmecke ich – mit Erwartung, mit Langsamkeit und ohne Durst.

Es gibt eine Serie von Gläsern, die zwei Stiele hat. Die Bauchigkeit des zweistieligen Glases soll dem Rotwein seine Entfaltung ermöglichen. Zwei Stiele fassen sich anders an. Sie sind wie ein Säulenpaar mit etwas mehr Stabilität als die gängigen einstieligen Weingläser. Nie zuvor hatte ich ein solches Glas gesehen. Es zeigt Symmetrie. Symmetrie zu betrachten ist wohltuend und beruhigt.

Ich hatte zwei dieser Gläser. Ich habe die Gläser über die Jahre gegen Umzüge verteidigt. Ich habe nicht aus ihnen getrunken. Aber sie waren dabei. Sie bekamen immer wieder ihren Platz im Schrank. Irgendetwas habe ich verteidigt. Ich habe eine Erinnerung verteidigt. Eine Erinnerung an die Idee der Zweisamkeit, der Wärme, des Auflösens der Gedanken in der Wärme, die die Farbe des Rotweins spendet.

Es war die Idee einer Auszeit von den Pflichten des Aktivismus. Die Gedanken an die Pflicht, für Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen zu kämpfen. Die Pflicht, meinen Beruf ordentlich auszuüben, die Verpflichtung mich selbst am Leben zu halten ohne anderen zur Last zu fallen.

Es war etwas besonderes, sich zwei teure Weingläser für roten Wein zu kaufen. Für ein ästhetisches Anliegen Geld auszugeben war nicht vorgesehen im Leben einer Aktivistin. Darf es einem gutgehen, wenn die Welt am Abgrund steht? Darf man es sich schön machen im eigenen Leben? Fragen einer 30-Jährigen. Man war aktiv in der alternativen Szene der 80-ziger Jahre. Ich hielt nicht inne und trank Rotwein. Ich war getrieben. Und dann kam diese Einladung in die Wärme. Es war nicht vorgesehen, sich in Wärme hineinzubegeben. Immerhin habe ich dieses Angebot bemerkt. Ich hatte das Angebot, mich zu zweit in dieser Wärme aus Rot und Ruhe aufzuhalten. Rotwein ist etwas anderes als der putschende Sekt, oder der belebende Weißwein. Rotwein ist anders als Whiskey, Cocktails, Ouzo oder Softdrinks.

Rotwein ist eine Einladung in eine Verlangsamung. Verlangsamung bedeutet Stabilisierung. Es war ein Angebot, auszutreten aus der aktivistischen, basisdemokratischen Unruhe mit den unerreichbaren Zielen, und einzutreten in eine Wolke, in einen anderen Lebensstil einzutreten. Oder auch nur eine Pause zu machen. Ich kam aus dieser aktivistischen Unruhe. Beides zu leben kam mir nicht in den Sinn.

Auch andere kannten dieses Gefühl. Nach dem Mauerfall kamen ärztliche Kollegen zu Besuch aus Brandenburg. Einer von ihnen sagte, er bedaure den Verlust des gemeinsamen Rotweintrinkens. Man hätte zu DDR-Zeiten in der Küche gesessen, Rotwein getrunken und geredet. Seit die Mauer auf sei, trinke man nicht mehr zusammen Rotwein in der Küche. Die Küche hatte Schutz und Wärme vor dem Regime geboten. Der Kollege beschwor eine Zeit des Rückzuges und des Gefühls des Zusammengehörens. Man war verbunden durch den Akt des Rotweintrinkens.

Ich hatte zwei Gläser mit je zwei Stielen. Eines ist auf Holzboden zerschellt. Ich habe nur noch ein Glas mit zwei Stielen. Ich sehe es und erinnere mich. Das Glas, mit seiner Symmetrie, die an antike Säulenpaare erinnert. Die zwei Säulen des Weinglases suggerieren mir Gleichgewicht zwischen Außen und Innen, zwischen Aktivismus und Privatleben, einen Lebenstil. Vielleicht ist die heutige Entsprechung der Begriff  „Resilienz“.




Gefühle für das Grundgesetz

Langsam liefen die Texte ausgewählter Artikel des Grundgesetzes über die große Leinwand. Es war zum Mitlesen. Man fühlte sich wohl in dem Kontrollraum des Wunderland Kalkar.

Man fühlte sich wohl, wenn auch etwas überrascht. Eine solche Einleitung zu einer politischen Diskussionsveranstaltung hatte man noch nicht erlebt. 50 Menschen lasen die Texte zusammen. Es war genügend Zeit, um die Paragrafen zu lesen. Die Texte waren unterlegt mit einer angenehmen, etwas einschmeichelnden Hintergrundmusik.

Es wurden neun Artikel des Grundgesetzes präsentiert. Eine Auswahl aus den ersten neunzehn Artikeln des Grundgesetzes, den sogenannten Grundrechten wurde präsentiert. Die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes, die Grundrechte, sind Abwehrrechte von Menschen gegenüber eines möglicherweise übergriffigen Staat: sie betreffen die Würde des Menschens, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Meinungsfreiheit, die freie Berufswahl, die deutsche Staatsangehörigkeit, (§1, 2, 3, 5, 12, 16a,18). Die dargestellten Paragrafen 20 und 21 betreffen die Staatsform der Demokratie selbst sowie die Rolle von Parteien.

Das Ehepaar Judith Bernhard-Heenen, Rechtsanwältin und Günter Heenen, Steuerberater aus Kleve hatte am 20. Februar zu einer Informationsveranstaltung mit Ralph Sina eingeladen. Ralph Sina ist Journalist. Er berichtete u.a. jahrelang für den Hörfunk des WDR aus Brüssel und war auch Korrespondent in den USA in der Obama Ära. Die Veranstaltung fand im ehemaligen Schnellen Brüter statt, der nach massiven Protesten aus der Bevölkerung in den 80-ziger Jahren nie in Betrieb genommen worden war.

Vor der Bundestagswahl

Es war drei Tage vor der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 und 28 Tage nach einem von mehreren Anschlägen in Aschaffenburg am 22. Januar 2024. In Aschaffenburg hatte ein Mann ein Kind und einen Mann erstochen. Es war 27 Tage, nachdem Merz infolge dieser Anschläge sehr markig sagte: „Ich werde am ersten Tag meiner Amtszeit das Bundesinnenministerium im Wege der Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers anweisen, die deutschen Staatsgrenzen zu allen unseren Nachbarn dauerhaft zu kontrollieren und ausnahmslos alle Versuche der illegalen Einreise zurückzuweisen“.

Er brachte kurzfristig mit der CDU/CSU Fraktion einen sehr umstrittenen Gesetzentwurf in den Bundestag ein, das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz. Es war klar, dass dieses Gesetz nur mit Hilfe der AFD hätte verabschiedet werden können.

Schon im gesamten Jahr 2024 hatte es große Demonstrationen in ganz Deutschland gegeben. Sie waren entstanden, nachdem bekannt geworden war, dass die AFD in einem geheimen Treffen eine große Rückführung von MigrantInnen plante, der sogenannten „Remigration“. In Folge all dieser Vorgänge war es in ganz Deutschland kurz vor der Bundestagswahl am 23. Februar erneut zu sehr großen Demonstrationen gegen rechts gekommen. Auf der Theresienwiese in München demonstrierten am 8. Februar über 200 000 Menschen (nach Polizeiangaben). Auch im Kreis Kleve gab es in mehreren Städten Demonstrationen. Das Zustrombegrenzungsgesetz scheiterte im Bundestag am 31. Januar. Nicht alle CDU-Bundestagsabgeordneten hatten zugestimmt. Und am 21. Januar 2025 war Donald Trump zum zweiten Mal als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt worden.

Inspiriert durch ein Banner an einer Sparkasse (siehe Beitragsphoto) hatte das Ehepaar Bernhard-Heenen/Heenen eine Informationsveranstaltung organisiert. Auf dem Podium saßen Barbara Hendricks, ehemalige Bundesumweltministerin (SPD), Freddy Heinzel, Rechtsanwalt und Honorarkonsul in den Niederlanden sowie Oliver Locker-Grütjen, Präsident der Hochschule Rhein-Waal.  

Die amerikanische Verfassung ist veraltet

Ralph Sina erläuterte in seinem Impulsvortrag die verfassungsbedingten Gründe, die zum Wahlsieg von Donald Trump geführt hatten. Er beschrieb diese aus der Gründungszeit der USA stammende Verfassung als vordemokratisch. Nicht die absolute Zahl der Wählerstimmen bestimme, wer gewinne. Hierfür gebe es verschiedene Gründe. Dies liege zum einen an dem sogenannten electoral college, der Wahlversammlung. Diese hat 538 Wahlleute. Die Stimmen Wahlmänner in den Bundesstaaten werden nicht proportional zu den Wählerstimmen verteilt. Nur die Gewinner haben eine Stimme. Wer 270 Wahlleute hat, hat gewonnen. Dies spiegelt nicht das Verhältnis der abgegebenen Stimmen. Zum anderen liegt es an der Zahl der Senatoren. Jeder Bundesstaat, egal wieviel EinwohnerInnen er hat, entsendet zwei Senatoren nach Washington. Beispielsweise entsende Wyoming mit circa 500 000 EinwohnerInnen zwei Senatoren in den Senat nach Washington. Kalifornien mit circa 39 Millionen EinwohnerInnen habe ebenfalls zwei SenatorInnen. Dies führe zu einer massiven Überrepräsentanz der konservativen ländlichen Bevölkerung in Washington. Zudem würden die Bundesrichter (supreme court) auf Lebenszeit gewählt. Auch Krankheit wie beispielsweise Demenz führe nicht zu Amtsentfernung. Immer wieder bezog sich Ralph Sina auf das Buch „Tyrannei der Minderheiten“ von Levitsky/Ziblatt. Die veraltete US-Verfassung begünstige die Tyrannei der Minderheiten. Die absoluten Zahlen der Wählerstimmen seien nicht entscheidend. Wenn die RichterInnen sehr alt würden, würde eine veraltete Rechtssprechung verstetigt.

Zusammenfassend sagte Ralph Sina, dass zu den Prinzipien der Demokratie gehöre, eine Niederlage zu akzeptieren und der Gewalt zu entsagen. Dies sei nicht geschehen unter Trump. Ermutigend sei jedoch, dass die US-AmerikanerInnen Europa und Deutschland sehr genau beobachteten. Die Demonstrationen gegen rechts und die Meinungsäußerungen in Europa würden wahrgenommen.

Bei der Podiumsdiskussion fügte Barbara Hendricks einen weiteren Punkt zur Verfassungsproblematik bei den US-Wahlen hinzu. Der Zugang zum Mandat in den USA sei sehr schwierig. Die Notwendigkeit Spenden einzusammeln binde sehr viele Kräfte, sodass ein Wahlkampf mit Sachthemen vor Ort fast unmöglich sei. Dieser Druck verführe auch zu Zugeständnissen gegenüber den SpenderInnen.

Ein anderes erstaunliches Beispiel aus dem europäischen Staatenverbund einer verfassungsbedingten fehlenden Repräsentanz der Bevölkerung wurde am Beispiel der Niederlande erklärt. Das Land gilt als liberal. Jedoch träten für die 20 niederländischen Wahlkreise jeweils die gleichen Personen einer Liste an. Auf diese Weise sei auch die ländliche Bevölkerung im niederländischen Parlament unterrepräsentiert, erklärte Freddy Heinzel. Hierauf führte er auch die Bauernproteste zurück. Die Bauernschaft fühlte sich nicht repräsentiert im Den Haager Parlament.

Nach der Bundestagswahl

Die CDU/CSU sind am 23. Februar als stärkste Parteien aus der Wahl hervorgegangen. Trotzdem nutzten sie das Oppositionsinstrument der kleinen Anfrage an die amtierende Regierung. Am ersten Tag nach ihrem guten Abschneiden in der Bundestagswahl stellte die CDU/CSU Fraktion eine kleine Anfrage an die Regierung zur Finanzierung der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die zu den Demonstrationen aufgerufen hatte. 551 Fragen wurden gestellt.

 Misstrauen gegen die DemonstrantInnen

Relativ fassungslos starrte die Öffentlichkeit auf diese Aktion der Wahlsieger. Man konnte dies nur als Misstrauen gegenüber den DemonstrantInnen werten. Mit dieser kleinen Anfrage wurde die Meinungsfreiheit der Demonstrantinnen und Demonstranten in Frage gestellt. Die mehrfach angegriffenen Omas gegen rechts dürften diese Aufmerksamkeitsart der CDU/CSU als Kompliment sehen. Die doch recht männerlastige christliche Parteienfamilie muss zur Kenntnis nehmen, dass die Omas gegen rechts eine Wirksamkeit in der Gesellschaft entfalten.

 Es ist bedauerlich, dass die Verfasser und Verfasserinnen der kleinen Anfrage keine positiven Gefühle gegenüber den Demonstrierenden hatten. Hunderttausende von Menschen nutzten eindrucksvoll ihre Grundrechte, die sie als BürgerInnen einer modernen verfassten Demokratie in Deutschland haben. Sie nutzten Ihr Recht der freien Meinungsäußerung nach § 5 des Grundgesetzes und der Versammlungsfreiheit auch § 8 des Grundgesetzes. Und sie zeigten sehr deutlich, wie wichtig ihnen Demokratie ist.

Diese Vorgänge bewegen viele Menschen in Deutschland. Die Menschen in der CDU hätten stolz sein können auf die Demonstrierenden. Sie hätten stolz sein können auf die gute Verfassung des Grundgesetzes in der Bevölkerung. Hätten die Menschen in der CDU die Demonstrationen gegen rechts als gelebtes Grundgesetz wahrgenommen, wären sie nicht auf die Idee gekommen, den zivilgesellschaftlich engagierten Menschen mit solch großem Misstrauen zu begegnen. Nicht anders kann die kleine Anfrage an die Regierung, offensichtlich langfristig vorbereitet, interpretiert werden. Haben die Menschen in der Bundestags-CDU kein Gefühl für ein Leben mit dem Grundgesetz?

Emotionale Bindung an das Grundgesetz

Das Grundgesetz zu verbinden mit Gefühl eines gemeinsamen Erlebnisses ist ein überraschender Ansatz. Das gemeinsame Erleben durch die Lektüre des Grundgesetzes, unterstützt durch eine entspannende Musik ist ein guter Zugang. Es unterstützt ein kollektives und ein individuelles Gefühl, Bindung an unsere Verfassung zu entwickeln. Das gibt emotionalen Rückhalt, wenn Aggressionen gegen die Demokratie drohen, zu ohnmächtiger Verzweiflung zu führen.

Eine gute Idee des Ehepaares.

CATHERINA STAUCH öffentliche Kommentare können auf  https://mastodon.social/@Ansichten eingefügt werden.

PHOTO CATHERINA STAUCH  Dargestellt ist die Sparkasse Rhein-Maas in der Hag`schen Straße in Kleve 21. Februar 2025.

Zum Weiterlesen:

 




Demokratie braucht Gemeinsinn

Die Pandemie hat es uns vor Augen geführt. Wir Menschen können nicht ohne einander. Es reicht nicht, sich nur um sich selbst zu kümmern im Alltag: durch Geld verdienen, durch Versorgen unserer Körper, durch Versorgen unserer Mitmenschen. Uns Menschen reichen diese Mikrokosmen nicht aus. Wir Menschen brauchen mehr. Wir brauchen etwas außerhalb unserer vier Wände.

Wo zeigt sich das?

Es zeigt sich in Vereinen, in Bürgerinitiativen, in Selbsthilfegruppen, in Nachbarschaftshilfen, im Ehrenamt, in Gesprächskreisen, in Erzählcafes, in Quartiersgemeinschaften, in Sportvereinen, bei der freiwilligen Feuerwehr.

Was tun wir Menschen in diesen Initiativen?

Warum nutzen wir unsere Freizeit, um uns auf diese Weise zu engagieren? Wir leben unseren sechsten Sinn. Es ist unser Gemeinsinn. Das Ehepaar Aleida und Jan Assmann, Trägerinnen des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2018, haben sich mit dem Gemeinsinn beschäftigt. Der Gemeinsinn sei unser 6. Sinn, und dies sei bekannt seit Hunderten von Jahren. Unser Gemeinsinn ist nicht zu verwechseln mit dem Gemeinwohl, das ist Aufgabe des Staates, das Gemeinwohl zu organisieren. Zum Beispiel Zugang zu gesundheitlicher Versorgung. Gemeinsinn wird gemeinsam mit anderen Menschen entwickelt. Gemeinsinn ist etwas Individuelles, eine Fähigkeit, die wir Menschen alle als Individuen haben. Diese Fähigkeit wenden wir an und trainieren wir in unseren Initiativen. Im Haus Mifgash beispielsweise, gibt es Begegnungsprojekte wie das Frauencafe, die Deutschkurse, die Stolpersteingruppe, grenzüberschreitende Projekte. Für die Organisation und Ideenentwicklung ist der Gemeinsinn notwendig. Die Assmanns sagen: Der Gemeinsinn existiert nur praktisch, man kann ihn nicht wählen. Der Gemeinsinn ist kleinteilig, er existiert nur „face to face“. Diese Art des gemeinsamen Arbeitens in unseren vielen Initiativen und Vereinen des Kreis Kleve ist uns Menschen ein Bedürfnis. Wir opfern nicht unsere Freizeit, sondern es ist uns ein Bedürfnis, diesen Tätigkeiten nachzugehen. Wir wollen diesen Gemeinsinn leben.

Was haben wir davon?

Wir begegnen hierbei Menschen, die ähnlich ticken wie wir. Das schafft Sicherheit und Konsens über Basiseigenschaften unserer demokratischen Gesellschaft. Es schafft Solidarität und schützt vor Sprachlosigkeit. Es schützt vor Faschismus durch Resilienz gegen Einsamkeit und Ausgrenzung. In der Einsamkeit wird man anfällig für sinnlosen Konsum und leere Parolen. Die Basis der Demokratie ist für mich das gewaltfreie Miteinander. Während ich meinen 6. Sinn, meinen Gemeinsinn auslebe, erfahre ich unendliche viele Facetten über mich und meine Mitmenschen. Ich erfahre sehr viel darüber, wie wir Menschen zusammenleben, wie andere gesellschaftliche Ethnien zusammenleben. Das gewaltfreie Miteinander ist die Basis der Demokratie. Ich persönlich möchte auch weiterhin sagen können, dass ich gerne Europäerin bin, dass ich gerne Demokratin in Deutschland bin und dass ich gerne eine engagierte Kreis Kleverin bin, die ihren Gemeinsinn ausleben darf. Wenn wir an nichtdemokratische Gesellschaften denken, wissen wir, dass zur Auslebung unsere Gemeinsinnes eine demokratische Gesellschaft nötig ist. Dies geschieht regional und für uns ist das der Kreis Kleve mit seinen Einwohnerinnen und Einwohnern.

Nach Aleida Assmann „die resiliente Demokratie braucht kein Feindbild, aber einen starken Sinn für das, was Menschen miteinander verbindet und zusammenhält“. Unsere vielen, auch multikulturelle nInitiativen im Kreis Kleve halten uns zusammen. Wir werden wählen gehen, weil wir für Demokratie sind, wir wissen wofür wir wählen gehen.

Der Text wurde bei den Demonstrationen gegen rechts in Emmerich am 08. Februar und am 9. Februar 2025 in Kleve von mir für Haus Mifgash vorgetragen. Bundestagswahlen werden am 23. Februar 2025 sein.

CATHERINA STAUCH

Zum Weiterlesen:

Aleida Assmann, Jan Assmann: GEMEINSINN – Der sechste, soziale Sinn im C.H.Beck Verlag 9783 406 82186 8

FUTUR ZWEI – MAGAZIN FÜR ZUKUNFT UND POLITIK : GEMEINSINN, N°31, 2025, www.tazfuturzwei.de

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Überrascht von sich selbst – Kreis KleverInnen gegen rechts

„Man sieht sich…“ sagte der Kollege mit vielsagendem Blick in meine Richtung. Ich traf ihn bei der Veranstaltung des Bündnisses „emmerich.demokratisch.vielseitig“. Der Kollege ist auch dabei, dachte ich. Er ist auch gegen rechts und sofort habe ich ein anderes Bild von ihm. Einer, mit dem ich mich jenseits des Berufsalltages austauschen kann, dachte ich.

Man fühlt sich schlecht bei den Entwicklungen der letzten Monate. In allen europäischen Staaten sind rechte Strömungen, Organisationen und Parteien entstanden. Sie sitzen in den Parlamenten oder stellen die Regierung. Die deutsche AfD wird stärker, und viele sorgen sich um unsere Demokratie. Doch es gibt Bewegung gegen rechts, es gibt sie überall, auf dem Land und in der Stadt, auf der Straße und in vielerlei Begegnungsstätten organisiert von ganz unterschiedlichen Initiativen und Institutionen.

Die Kreis KleverInnen bewegen sich

Es gab etliche Demonstrationen im Kreis Kleve in den letzten Monaten: Demonstrationen gegen rechts in Kevelaer (am 14. Januar 2024), in Kleve (am 21. Januar 2024), in Emmerich (am 03. Februar 2024), in Kalkar (am 17. Februar), in Sonsbeck (am 07. 04.2024). Die Demonstration in Kalkar startete an der Schule mit einer Einleitung der SchülerInnen des sozialwissenschaftlichen Kurs. Die Demonstration in Kleve war so gut besucht, dass die Menschen am Bahnhof noch nicht losgelaufen waren, als eine große Menschenmenge schon den Platz vor der Schwanenburg bevölkerte für eine Kundgebung. Mutmaßlich waren es an die 10 000 DemonstrantInnen. Kleve hat circa 53 000 EinwohnerInnen. Die von circa 2000 Menschen besuchte Demonstration in Emmerich endete mit der Europahymne vor dem Rathaus.

Die Kreis KleverInnen organisieren Veranstaltungen

„Erstaunlicherweise war es einfach…“ sagte die SPD Kreistagsabgeordnete Andrea Schaffeld-Pastoors zur Entstehung des Bündnisses. Im Oktober 2023 war in Emmerich ein Kernbündnis gegen rechts gebildet worden. Dieses besteht aus mehreren Vereinigungen: SPD, BGE (Bürgergemeinschaft Emmerich), CDU, Bündnis90 Die Grünen, FDP, AWO, Integrationsrat der Stadt Emmerich sowie die Kulturvereine Kultur,Künste,Kontakte und Bürgeraktion Pro Kultur e.V.

Dieses Bündnis bot eine von über 150 Menschen im Emmericher PAN Museum (am 9. April) besuchte Veranstaltung gegen rechts an mit Beteiligung des Sozialwissenschaftlichen Kurses der Gesamtschule.  Professor Klaus Peter Hufer von der Fakultät Bildungswissenschaften der Universität Duisburg leitete die Veranstaltung ein mit einem Überblick über die Entstehungsgeschichte der Demokratie. Der anschließende workshop mit Übungen zum Umgang mit Stammtischparolen von rechts moderierten die jungen Schülerinnen und Schüler. Eine weitere Veranstaltung in Emmerich fand am 15. Mai statt.  Stephan Anpalagan (Theologe und Journalist) hielt einen humorvollen, interaktiven Vortrag. Das Publikum sollte die Frage „Was ist deutsch?“ beantworten. Die Sammlung enthielt Begriffe wie Bier, Pünktlichkeit, Vielfalt, Grundgesetz, Sprache, Nationalhymne als Antwort. Stephan Anpalagan erläuterte die „typisch deutschen“ Eigenschaften wie Pünktlichkeit mit der „Pünktlichkeit“ der deutschen Bahn. Die Nationalhymne der Deutschen wurde von einem Österreicher, nämlich Joseph Haydn komponiert, der Text wurde auf der damals britischen Insel Helgoland von Hoffmann von Fallersleben geschrieben. Diesem wurde wegen staatfeindlicher Aktivitäten die preußische Staatsbürgerschaft entzogen. Das „Deutsche“ ist also ziemlich international und auch ziemlich unklar.

Wie erkennt man rechte Stammtischparolen?

Professor Hufer beschrieb, ein generelles Zeichen von oft nicht sofort erkennbaren rechten Stammtischparolen sei die Einteilung in „wir“ und „ihr“. Sätze wie „Die  da oben (Politiker) machen doch, was sie wollen“, „Politik ist ein schmutziges Geschäft“ oder „wenn das so weitergeht mit der Zuwanderung, gibt es bald keine Deutschen mehr…“ Diese Gegensätze zeigen eine heile „Wir-Welt“ und eine bedrohliche  „Ihr-Außenwelt“. Die Parolen hätten oft ein Überraschungsmoment, das einen sprachlos mache und zunächst in die Defensive bringe. Man solle sich nicht irritieren lassen durch diese Wirkung, sondern Ruhe bewahren und Argumente suchen. Es gäbe auf die Dauer gute Chancen, dass die Argumente wirken.

Die Wirkung auf uns selbst

Es war interessant zu beobachten, wie ungläubig die TeilnehmerInnen der Veranstaltungen auf die große Zahl  der MitstreiterInnen blickten. Man sah sich verstohlen um und dachte: „das kann nicht wahr sein“. So viele Menschen, die gegen rechts auf die Straßen gehen. „Das hätte ich dem konservativen Kreis Kleve nicht zugetraut“, sagte ein Teilnehmer einer Demonstration. Man traf Bekannte und freut sich darüber. Ein circa 55-Jähriger, sozial sehr engagierte Mann sagte: „ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Demo.“

Die Wirkung der Veranstaltung auf die Menschen ist erfreulich, jedoch uneindeutig. Ja, natürlich, in dem allgemeinen Unbehagen brauchen wir eine Verortung. Die Kreis KleverInnen leben in einem hoch verdichteten Landkreis mit vielen Kleinstädten. Die CDU war über Jahrzehnte unantastbar meinungsbildend. Aber sind Parteien heute noch die richtigen Institutionen der politischen Verortung? Das Unbehagen von den auf den Land lebenden Menschen wird vermutlich anders erlebt als in den Rheinruhrmetropolen, in Thüringen oder in Bayern. Wer sind wir, die wir auf dem Land an der holländischen Grenze leben und eine große Präsenz gegen rechts zeigen? Ganz sicher waren die Menschen, die im letzten Jahr im Kreis Kleve gegen rechts aufgestanden sind keine Randgruppe, sondern eine Mehrheit. Diese Mehrheit muss über Sichtbarkeit im politisch-öffentlichen Raum jenseits von Parteien nachdenken. Und es braucht Handwerkzeug im Alltag, wie zum Beispiel Seminare gegen Stammtischparolen.

 Wir sollten uns nicht unterschätzen und an unsere Selbstwirksamkeit beim Erhalt und der Gestaltung der Demokratie glauben. Wir haben keinen Grund, uns dies nicht zuzutrauen.

Die erfreuliche Begegnung mit meinem Kollegen und anderen Menschen der Region wird sicherlich zu mehr Gesprächen, Austausch, Vernetzung oder sogar Aktivitäten führen. Wir werden rausfinden aus der zivilisatorischen Starre. Wir Bürgerinnen und Bürger werden uns ein neues Bild von uns selbst jenseits von Parteien oder Rechts-Links Schemata machen. Wir arbeiten so an der Demokratie und bilden vielleicht neue Arten von Gemeinschaften. Zu dieser Hoffnung gibt es jede Menge Grund.

Termine:

31.07.2024, 19 Uhr, Kolpinghaus Goch: DemokraTisch – Treff für Demokratie Fans organisiert vom AWO Kreisverband Kleve e.V. www.awo-kreiskleve.de, Pressekontakt: Natalie.Guntlisbergen@awo-kreiskleve.de

Politischer Abend am 15. September 2024, 20:00 Uhr: 75 Jahre Grundgesetz “ Die Würde des Menschen ist unantastbar…“ eine musikalische Lesung mit Roman Knizka und dem Bläserquintett Opus 45 im Stadttheater Emmerich, Grollscher Weg 6, 46446 Emmerich am Rhein

Bücher:

Klaus Peter Hufer: „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ ISBN 978-3-87920-054-2 u.v.a.m.

Stephan Anpalagan: „Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft.“ S. Fischer, Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-10-397198-9.

CATHERINA STAUCH

PHOTO: CATHERINA STAUCH

 

 

 

 




Gedächtnisverlust bei weiblichen Leistungen

Patriarchale Strukturen gibt es seit Tausenden von Jahren. Ein Wesenselement dieser Strukturen ist das Vergessen. Das Vergessen von weiblichen Leistungen ist ein wiederkehrendes Merkmal. Zwei aktuelle Ausstellungen in Berlin zeigen das Vergessene.

„läuft“ Ausstellung zur Menstruation

Das Museum Europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem zeigt eine abwechslungsreiche und informative Ausstellung zur Geschichte des praktischen Umgangs mit der Menstruation. Die Ausstellung entwickelt ihre Themen entlang einer Zeitleiste ab 1880. Verschiedenen Menstruationsartikel der letzten 140 Jahre werden beschrieben. Es werden Kleidungsstücke gezeigt, mit deren Hilfe diese Tage  bewältigt wurden vor der Zeit der Unsichtbarkeit der Einmalartikel. Es gibt die Möglichkeit, diese Kleidungsstücke anzuziehen und das Körpergefühl zu erfahren, das die teilweise voluminösen Kleidungsstücke vermitteln.  Und Bilder der Enttabuisierung  der Menstruation werden gezeigt:  Eine professionelle Langstreckenläuferin zeigt das zwischen den Beinen sichtbare Blut während der Siegerinnenehrung.

Bewegung der Selbsthilfegruppen vergessen?

Menstruation und menstruieren hat viel mit Tabuisierung zu tun. Schweigen und Stigmatisierung hat in allen Gesellschaften immer zu diesem körperlichen Vorgang von 2 Milliarden Menschen gehört. Unwissen über die eigenen körperlichen Vorgänge blieb im Unsichtbaren.  Erstaunlicherweise wird in der Ausstellung kein Bezug genommen zur Frauenbewegung mit ihren Selbsthilfegruppen der 70-iger Jahre des letzten Jahrhunderts.  Die damals entstehenden Selbsthilfegruppen mussten erst einmal die Scham überwinden, über ihren Körper und seine Funktion zu sprechen. Frauen fanden zusammen, um über ihre Körper zu lernen. Sexualkundeunterricht gab es kaum. Häusliche  oder familiäre Aufklärung über den weiblichen Körper war oft mangelhaft bis nicht vorhanden. Frauen in Selbsthilfegruppen erwarben das Wissen über den eigenen Körper in Selbstuntersuchungen und durch weitergereichte Broschüren, Hefte und Bücher, die sich bewusst gegen die Herrschaftsmedizin stellten. Sie informierten sich gegenseitig  über die Gebrauchsartikel, die es gab. Schwämme und Tassen wurden entdeckt, teilweise wiederentdeckt. Die verschiedenen Anwendungsangebote von Tampons mussten gelernt werden.

Die Ausstellung vermitteln den Eindruck, als würden Frauen (und Männer?) schon immer unbefangen über Menstruation reden. Nein, das war definitiv nicht so. Schon 40 bis 50 Jahre nach der autonomen Frauenbewegung, die auch ein Rückeroberung des Wissens über den eigenen Körper war, zumindest in der westlichen Welt, scheint diese Selbsthilfebewegung der Frauen, mal wieder, vergessen zu sein.

Ausstellung „Gemeinsam sind wir unerträgllich“

Auf dem Weg zu dieser Ausstellung kommt man zunächst in den Innenhof des Ministeriums für Staatssicherheit, wo man eine vielmetrige Ausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft unter freiem Himmel sehen kann. Diese Ausstellung  „Revolution und Mauerfall“ über die friedliche Revolution der DDR zeigt viele Protagonisten als Einzelpersonen, in kleinen Gruppen und auf Kundgebungen.  Protagonistinnen konnte ich nicht entdecken. Lag es am kalt tropfenden, trüben Himmel, der mich die Frauen der friedlichen Revolution übersehen ließ? Bei genauem Hinsehen sah ich immerhin „Mit-läuferinnen“ in den Demonstrationen.

Zur Entschädigung konnte man bis zum 11. Februar 2024 in das Haus 7 des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gehen und sich die Posterausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich“ ansehen. Diese abwechslungsreiche auf großen Postern und Schautafeln konzipierte Ausstellung zeigt den Weg vom Privaten zum Poltischen. Frauen trafen sich zunächst privat und dezentral an vielen Orten der DDR. Es gab Selbsterfahrungsgruppen,  Frauengruppen für den Frieden und solche, die sich gegen Umweltzerstörung einsetzten,  lesbische Gruppen, Gruppen, die sich mit feministischer Theologie und Gewalt gegen Frauen, beschäftigten. Frauen vernetzten sich. Zahlreiche Dokumente sind zu sehen, die im Eigenverlag erschienen. Flugblätter sind abgebildet. Die Kirche half, eine Infrastruktur aufzubauen mit Räumen, Papier, Druckern, Kopiergeräten. Und im Dezember 1989 gründeten 60 Frauengruppen den unabhängigen Frauenverband, den UFV. Es erschien das Manifest für eine autonome Frauenbewegung „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“, verfasst von Ina Merkel, heute emeritierte Kulturwissenschafterin der Universität Marburg. Der UFV kandidierte im März 1990 bei den Volkskammerwahlen. Die UFV konnte zusammen mit dem Wahlbündnis der grünen Partei der DDR  den Anspruch, die Interessen aller Frauen parlamentarisch zu vertreten nicht umsetzen. Der Versuch sich mit westdeutschen Frauen zu verbünden scheiterte.

Die Posterausstellung ist sehr abwechslungsreich. Viele Dokumente, Slogans und Inhalte erinnern sehr an die westdeutsche Frauenbewegung.  Das Private ist politisch lässt sich für die Bewegungen in beiden deutschen Staaten nachvollziehen.

Erinnerungskultur für Feminismus

Die  große Ausstellung  der Robert-Havemann-Gesellschaft ohne Raum für weibliche Leistung, die beengten Räumlichkeiten der sehr guten Ausstellung zur Geschichte der Frauenbewegung der DDR, das Nichtdarstellen der autonomen Frauenbewegung in der Ausstellung zur Menstruation zeigen den Gedächtnisverlust, der sich sehr schnell einstellt, wenn es um Leistungen und Selbstermächtigung von Frauen geht. Und doch gibt es heute weltweit Aufmerksamkeit erregende Bewegungen wie die Me-Too Bewegung, die nun wirklich ein Prototyp des „Das Private ist politisch“ ist oder die „One Billion rising“ Bewegung, in der Frauen aktuell auf die Straße gehen und sich gegen patriarchale Übergriffe wehren.

Überwindung der Amnesie und Vernetzung

Ein neuer Versuch der Aufarbeitung der Ost- und Westfrauenbewegungen zur Überwindung der Amnesie unserer Geschichte wäre ein wichtiges Ziel. Im Osten wurden nichtstaatliche Organisationen misstrauisch beobachtet, inoffizielle Mitarbeiterinnen eingeschleust, um die autonomen Frauengruppen zu zersetzen. Manche Gruppen lösten sich daraufhin auf, was Ziel der Staatssicherheit war. Im Westen wurde die Frauenbewegung in staatlichen Organisationen, Universitäten, Gewerkschaften und im Parlament verhöhnt und nicht ernst genommen. Jedes Patriarchat hat seine eigenen Unterdrückungsmethoden. Die Methode der Gedächtnisstörung, des Erinnerungsverlustes haben alle Formen der Patriarchate. Diese  zerstörerischen Methoden beschädigen das Gedächtnis der Frauenbewegungen und den Stolz auf das Geleistete. Die Erinnerungskultur, von der allenthalben die Rede ist, muss auch für die Leistungen der Frauenbewegungen gelten.

Die Wanderausstellung war bis zum 11. Februar 2024 auf dem ehemaligen Gelände des Ministeriums für Staatssicherheit zu sehen. Sie ist spannend und sehr empfehlenswert. Es sollte ihr jedoch mehr Quadratmeter eingeräumt werden als sie in den ehemaligen MfS Räumen hatte. Der Ausstellungskatalog erzeugt zumindest bei altgedienten Feministinnen viele Aha-Erlebnisse.

CATHERINA STAUCH

PHOTO CATHERINA STAUCH

Die Ausstellung zur Menstruation „läuft“ vom 06.Oktober 2023 bis 06. Oktober 2024

Agentur für Bildung, Geschichte und Politik e.V.: Wanderausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich“ – Ausstellungskatalog ISBN 978-3-96311-872-2, 20 €uro




Brüssel für ein Europa der individuellen Freiheit

Der Wind stand günstig, als die Pride Demonstration am 20 Mai durch Brüssel zog. Die Fahnen blähten sich kräftig, als die nicht enden wollende Menschenmenge durch die belgische Hauptstadt zog. Die Vielfalt der  LGBTIQ Gemeinde zeigte sich an den Fahnen aus vielen gesellschaftlichen Gruppen. Nationale Zuordnungen wurden mit zwei Ausnahmen nicht gesehen. Die eine Ausnahme war die gelbblaue Fahne für die Ukraine. Die zweite Ausnahme war das  Transparent „Make America gay again“. Es gab eine riesige Zahl an Europa- und Regenbogenfahnen aus vielen Lebensbereichen. Entspannte Polizisten und Polizistinnen säumten zusammen mit ZuschauerInnen die Demonstration.

Die Arbeitswelt bekannte sich zu Vielfalt

Die Sponsoren auf den Ankündigungsplakaten waren zahlreich. Die Brussels Times trat als Sponsor auf sowie wallonische und flämische Institutionen. Die arbeitende Bevölkerung zeigt sich mit Bannern wie Proudtobe@work, mit Vertretungen des Pharmakonzerns Pfizer, dem Logistikunternehmen UPS, dem Unternehmensberater Accenture und dem Personaldienstleister Page. Die Europapartei Volt war auch zu  sehen.

Die EU zeigte sich offensiv

Das Europäische Parliament zeigte sich  mit dem Banner „Democracy in action „. Auch auf den Straßen bekannte sich die EU zum öffentlichen Leben in Regenbogenfarben. Rund um das EU-Regierungsviertel waren die Zwischenräume der  Zebrastreifen durch Regenbogenfarben gefüllt. Im Leopoldsviertel überquerte man viele weiße Zebrastreifen, die sich abwechselten mit den Regenbogenfarben: weiß-rot, weiß-orange, weiß-gelb, weiß-grün, weiß-blau, weiß-violett.

Die EU ist LGBTIQ-Freiheitszone

Am 11. März 2021 verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution: „Resolution on the declaration of the EU as an LGBTIQ Freeedom Zone“ (2021/25577RSP). Mit 492 Ja-Stimmen, 141 Nein-Stimmen und 46 Enthaltungen hatte das EU Parlament für die Resolution gestimmt. Diese enthielt das Bekenntnis, dass überall in der EU Menschen die Freiheit haben sollen, sich öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Geschlechtsidentität zu zeigen ohne Intoleranz, Diskriminierung oder Verfolgung zu riskieren. Diese EU Resolution war eine Reaktion auf eine Deklaration von mehr als 100 Regionen im Südosten Polens, die sich 2019/2020 zur LGBTQ freien Zone erklärt hatten. Regionale Verwaltungen hatten aufgerufen, sich von der LGBTIQ Menschen zu distanzieren, und diesen finanzielle Unterstützung zu entziehen.

In der lokalen Presse reichten die Angaben zu den Teilnehmerzahlen von 120 bis 150 Tausend. Ich selbst schaute dem Zug fast zwei Stunden zu, bis das Lied Waterloo gespielt wurde und der Wagen „CityFant 6000“ kam um aufzuräumen.

Die Brüsseler Pride Parade zeigte bestens gelaunte Menschen, die jegliche Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung ablehnen. Die Demonstration war ein mehrere Stunden dauerndes Bekenntnis zur individuellen Freiheit in Europa.




Pluriversum – viele Welten

Das ist ja wie früher, dachte ich, als ich die Ankündigung auf den kleinen Plakate an den Supermarkttüren sah: Menschenrechtsgruppen, Umweltgruppen und lateinamerikanische Musik, zusammen auftretend bei einer Veranstaltung auf dem Fachhochschulgelände der Stadt Kleve/ NRW. Ich fühlte mich zurückversetzt in meine Zeit als Studentin. Das Leben war verheißungsvoll und bunt, vielfältig und anziehend. In den 70-iger und 80-ziger Jahren waren die Menschen in vielen neuen Räumen aktiv: in Selbsthilfegruppen, in den Wohngemeinschaften, auf Demonstrationen, bei Stadtteilfesten, in alternativen, kollektiven Buchhandlungen. So zumindest meine Erinnerung an die postschulischen Welten.  Ein gewisses Kribbeln erfasste mich, und ich radelte am 27. April in die Klever Hochschule.

Vor dem Hörsaal

Empfangen wurde man schon im Vorraum des Hörsaales durch warme arabische Lautenklänge. Amnesty international, Fridays for future, Eine-Welt-Laden und andere hatten ihre Stände aufgebaut. Viele Menschen waren im regen Gespräch. Smartphone gelenkte Köpfe sah ich kaum.

Veranstalter war Haus Mifgash aus Kleve, die Initiativgruppe, die sich seit Jahren für ein Begegnungszentrum auf dem Boden der ehemaligen Klever Synagoge einsetzt. Haus Mifgash hatte mit Unterstützung der Hochschule Rhein-Waal grupo sal, die lateinamerikanische Musikgruppe mit ihrem Programm „Pluriversum“ eingeladen.

In dem Hörsaal

Die Journalistin Sandra Maiss führte durch die Veranstaltung. Ihr erster Interviewpartner war Alberto Acosta, Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Energieminister aus Ecuador. Er führte aus, dass die Welt eine neue Seinsform benötigt. „Wir benötigen eine neue Ontologie, in der alles mit allem zusammengedacht wird. Ein gutes Leben für alle muss das Ziel sein. Nicht nur Rechte für Menschen brauchen wir, sondern auch der Natur müssen Rechte gegeben werden.“ In einer Liveschaltung nach Australien sprach die Ökofeministin Ariel Saleh. Salehs politischer Aktivismus begann in den 70-iger Jahren mit dem Protest gegen den Uranabbau auf indigenem Boden in Australien. Die Soziologin erklärte das Patriarchat, den Kapitalismus, den Kommunismus und den Kolonialismus für gescheitert. Diese Gesellschaftsformen basierten auf der Ausbeutung von Menschen und Natur. In ihrer Analyse werden Natur und Frauen als Ressource benutzt, die zur Produktion erforderlich sind. Dies hat uns in die heutige Krise des Klimas und der Menschenrechte mit den negativen Folgen für die Demokratien geführt hat. Sie forderte einen Paradigmenwechsel weg vom Prinzip der Produktion hin zum Prinzip der Reproduktion. Das Prinzip der Produktion basiere auf Ausbeutung von Ressourcen ohne Wiederherstellung dieser, das Prinzip der Reproduktion auf Schonung und Wiederherstellung von Ressourcen. „Cultural shifting“ nannte die Wissenschaftlerin diesen Prozess.

Universum versus Pluriversum

Eine übersetzerische Annäherung der Begriffe Universum und Pluriversum könnte sein:  Eine Welt und Viele Welten. Schon die formale Übersetzung lädt zum Nachdenken ein. Pluriversum als politischer Begriff, auch niedergelegt im demnächst erscheinenden Lexikon „Pluriversum“, ist als Vielfalt von sinnvollen Lebensformen weg von Ausbeutung der Ressource Menschen und Natur gemeint. Der dritte Begriff Metaversum-Zwischenwelt existiert auch und könnte Zwischenwelt genannt werden. Allerdings ist dieser Begriff bereits besetzt. Er meint laut Wikipedia, dass durch virtuelle Welten eine neue Wirklichkeit entstehen soll.

Pluriversal war das Event. Die Multimedia Veranstaltung bestand aus Musik von grupo sal, einer Videoinstallation mit 16 Bildschirmen, auf denen lebendige Farbkombinationen mit pluriversalen Begriffen kombiniert wurden, einem Präsenzinterview, einem online Interview und der Präsentation von etlichen Initiativen. Es war eine inspirierende Vielwelten-Darbietung auf dem Boden der Fachhochschule Kleve. CATHERINA STAUCH

PHOTO Catherina Stauch

Demnächst erscheint „PLURIVERSUM Ein Lexikon des Guten Lebens für alle“, ca. 450 Seiten ISBN 978-3-945959-67-1