Dunkelheit erwünscht

Ungeduldig warte ich auf die Dunkelheit. Es ist Januar.Bei Einbruch der Dämmerung soll das Parkleuchten im Grugapark in Essen beginnen. Wir ergattern einen Parkplatz vor dem Messegelände. Warm eingepackt streben wir zum Eingang, wo schon  Menschen aller Altersstufen auf den Einlass warten. Eine Unternehmung im Januar, die nicht in dem spärlich bemessenen Tageslicht stattfindet, ist mal etwas anderes, dachte ich mir.

Viel sehe ich nicht. Der etwas abschüssige Weg ist gerade so zu erkenne. Ich hoffe, dass ich keine Stufen oder andere Hindernisse übersehe in der Dunkelheit. Wie erwartet zeigen sich einige angestrahlte Skulpturen. Ganz nett, denke ich. Ich sehe eine Leinwand, die bestrahlt wird. Was ist der Sinn? Ah, jetzt verstehe ich. Im Lichtstrahl finden sich Menschen als Schatten auf dieser Leinwand wieder. Paare, die sich küssen, Kinder, die sich bekämpfen. Ich gehe weiter und sehe bühnenhafte Posen als Schatten mit einfarbigem Hintergrund. Ich sehe, riesige, sich gruppierende Schlüssel aus Licht. Grünes Geäst zeigt sich am Wegesrand. Kleine bewegliche Objekte spiegeln sich träge auf einer Wasserfläche. In Reihe stehende Frösche schauen mit ihren Ferngläsern auf das Firmament. Eine Tanzgruppe als gestreifte Dreiecke begegnen mir.

Immer weiter gerate ich in diese magische Welt. Ich höre Menschen murmeln, Kinder sprechen, nichts ist laut. Die schwarzen Silhouetten sind BesucherInnen des Parkleuchtens. Meine Begleiter erkenne ich nur am Gang und an ihren Gewohnheiten. Einer ist mir immer einige Meter voraus und steht am Wegrand rechts. Ich denke bei jeder Suche: “ von der Größe her müsste er es sein“. Der andere steuert immer in einer bestimmten Geschwindigkeit auf mich zu. Wie erkennt er mich eigentlich? Handydisplays sehe ich kaum, da ich immer hinter den Menschen laufe. Und plötzlich in der Ferne: ein Zauberhaus. Es ist das bekannte Hundertwasserhaus im Grugapark. Unscharfe Konturen des Hauses, ein Zwiebelturm, Bogenfenster, warmbeige Fassaden, Verbindungslinien zwischen den Fenstern. Als ob das Haus für die Lichtkunst gemacht wäre.

Mittlerweile meine ich zu schreiten und nicht zu gehen.  Vorbei an gletscherfarbenen Quadern, an Schatten, deren Konturen von Spektralfarben wiederholt werden, vorbei an wandernden Lichtern in einem Baum. Wir wandern durch eine vielfarbige Baumallee und werden angezogen von einer in der Ferne  funkelnden Wand. Und dann das: Figuren in blau-türkis schillernden Gewändern, eingehüllt von aufsteigendem Nebel. Zaubergestalten. Die Kinder diskutieren, wer diese Wesen sein könnten. Mich interessiert es nicht, ich sehe sie einfach nur an und denke, ohne Dunkelheit geht das nicht.

Wer geht schon an einem kalten Januarabend freiwillig in die Dunkelheit? Um das Parkleuchten zu sehen gehen wir gerne in die Dunkelheit. Ich bin froh, nicht alles zu sehen. Ich will keine kahlen Bäume, sehen, keine leeren Beete,  keine Kabel, keine Beamer, keine Vorrichtungen für die Lichtkunst. Ich lasse mich ziehen von der Magie der Lichtfiguren, der Lichtobjekte, der Schatten vor den Hintergrundlichtern. Ich werde begleitet durch das Murmeln der  fast unsichtbaren Menschen um mich herum, das Summen des fernen Verkehrs und der fernen Sirenen der Ambulanzfahrzeuge auf dem Weg zur nahegelegenen Universitätsklinik.Die Lichtkunst braucht die Dunkelheit. Es waren zwei wunderbare Winterstunden im Grugapark Essen. CATHERINA STAUCH

Lichtinstallationen von Wolfgang Flammersfeld und Reinhard Hartleif: www.world-of-lights.de

Photo von Catherina Stauch mit Genehmigung von world of lights




30 Jahre studentisches Engagement für deutsch-französische Beziehungen

Der Verein  „Assocation franco-allemande des assistant parlamentaires“, kurz AFAAP, wurde vor fast 30 Jahren gegründet. Er fördert Studierende auf der binationalen und parlamentarischen Ebene. Ich habe den Gründungspräsidenten des Vereins Martin Stauch zu seiner Geschichte befragt.

Martin, Du hast selbst drei Jahre in Frankreich studiert. Was war der Anlass oder der Beweggrund, diesen Verein zu gründen?

Die AFAAP ist die Alumni-Organisation der ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten  des deutsch-französischen Parlamentspraktikums. Dieses wurde 1989 in Deutschland und 1990 in Frankreich gegründet. Ich war einer der ersten fünf StipendiatInnen, die zu einem Studium an der Sciences-Po (Hochschule für Politikwissenschaften in Paris) und einem Praktikum in der Assemblée Nationale nach Paris gingen. Umgekehrt gingen Französinnen und Franzosen an die Universität Bonn und an den deutschen Bundestag, der damals noch in Bonn war. Heute gehen die StipendiatInnen nach Berlin. Ziel war und ist es, jungen Menschen ein vertieftes Verständnis für die deutsch-französischen Beziehungen und für die europäische Zusammenarbeit zu ermöglichen. So können sie sich in ihrem eigenen Arbeitsfeld für dieses Ziel einsetzen. Sporadische Auswertungen unserer Mitgliederlisten zeigen, dass das Kalkül aufgegangen ist: viele von Ihnen arbeiten im jeweils anderen Land oder für europäische Organisationen.

Wie grenzt sich der Verein AFAAP von ähnlichen Initiativen ab, zum Beispiel die deutsch-französische Parlamentariergruppe?

Es gibt in der Tat eine ganze Reihe von Organisationen, die sich für die deutsch-französischen Beziehungen einsetzen. Bei der AFAAP sind es ehemaligen Mitglieder des deutsch-französischen Parlamentspraktikums, bei der deutsch-französischen Parlamentariergruppe sind es aktuelle Abgeordnete der beiden Parlamente. Es gibt auch einen Alumniverein des Internationalen Parlamentspraktikums, in dem sich Ehemalige aus anderen Ländern treffen. Unsere Initiative ist das einzige binationale Praktikum am Deutschen Bundestag.

Welche Bedeutung haben solche Vereine für Europa?

Sie sind essentiell, weil sie eine feste und verbindliche Struktur des Austauschs schaffen. Unsere Studierende begleiten die Abgeordneten bei ihrer täglich Arbeit. Das schafft Bindung. Unser Verein existiert jetzt fast 30 Jahre. Es haben über 300 Studierende an unserem Programm teilgenommen. Auch wenn die Beteiligung an den physischen Treffen mit rund 20 bis 30 Personen überschaubar ist, fühlen sich doch die allermeisten der AFAAP verbunden und nehmen zum Teil nach Jahrzehnten wieder Kontakt mit anderen auf. Und das gemeinsame Engagement für die Sache Deutschland-Frankreich-Europa ist bei allen spürbar. So wird Europa konkret und emotional erfahrbar.

Was bietet die AFAAP den Studierenden?

Die AFAAP ist zwar eine Alumniorganisation, aber ihre Aktivitäten setzen bereits früher ein: die AFAAP macht Werbung für das Programm. Sie lädt die ausgewählten Stipendiatinnen und Stipendiaten bereits vor der Abreise zu Treffen ein, organisiert regelmäßig Stammtische und Treffen während ihrer Zeit an der Hochschule in Paris und Berlin und an den Parlamenten. Sie nimmt Berichte entgegen, um sich bei den Organisatoren der Stipendien für eine Weiterentwicklung des Programmes einzusetzen.

An wen können sich interessierte französische oder deutsche Studierende wenden? 

Am einfachsten ist es, sich auf der www.afaap.org über das Programm, die Anmeldemodalitäten und die Aktivitäten der AFAAP zu informieren. Die Emailadresse ist: contact@afaap.de

Ich danke Dir für das Gespräch.

Dr. phil. Martin Stauch, Jahrgang 1965 hat Geschichte, Französisch und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn studiert. Er hat an der Universität Bordeaux eine maîtrise in Geschichte gemacht und nach dem Parlamentspraktikum in Paris für seine Promotion über Preußisch-Französische Beziehungen zur Zeit von Napoleon III recherchiert. Er war von 2003 bis 2017 Geschäftsführer der „Katholikentage“. Seit 2020 ist er stellvertretender Leiter der Abteilung Inland bei missio Aachen.

Interview: CATHERINA STAUCH

PHOTO: Assemblée Nationale




Die Puppen wollen leben

Die Marionetten haben ihre Welt wieder. 33 Monate war ihr Theater geschlossen. Sie mussten verpackt im Fundus bleiben. Brandschutz, Lüftung, Klimaanlage, Lockdown, Spielverbot, Dreck und Staub hatten die Puppen behindert. Aber sie gaben nicht auf und nun spielen sie wieder auf ihrer eigenen Bühne. Anton Bachleitner, seit 42 Jahren ihr künstlerischer Leiter hatte viele Probleme zu bewältigen. Durch Spendenaktionen und mit Hilfe der Stadt Düsseldorf konnten die rund 800 000 €uro aufgebracht werden und das Puppentheater runderneuert werden.

Die Marionetten wollen Weltkunst zeigen. Sie zeigen die Schwerelosigkeit der Zauberflöte oder die Tiefenpsychologie des Prager Golem. Sie wollen auf die Bühne des Theaters mit der schwarzen Magie der sorbischen Krabatsage. Sie wollen die hochaktuelle  Zeitmaschine von Momo darstellen.

22 Produktionen hat Anton Bachleitner entwickelt. Er wählt die Geschichten aus, er produziert in Tonstudios, er entwickelt die Choreografie,  er spielt die Stücke mit seinem Team ein. Alle Marionetten schnitzt er selbst:  aus Lindenholz. Die überzeichneten Gesichtszügen, die Schatten gebenden, tief gekerbten Falten in den Gesichtern,  die  großen Augen,  die gestenfähigen Gliedmaßen sind alle von ihm ins Leben geholt worden.  Von Januar bis März 2023 werden die Puppen den Wunschpunsch, Die Schöne und das Biest und Krabat spielen. CATHERINA STAUCH

Photo mit Erlaubnis von Anton Bachleitner

www.marionettentheater-duesseldorf.de

 




Die Küste im Nebel

Jahrelang stellt man sich vor, am Mittelmeer zu sitzen und aus kleinen Gläsern einen mit Wasser verlängerten, milchigen Aperitif zu trinken. Es könnte ein Pastis, ein Pernod, ein Ouzo, ein Raki sein. Wohl jedes Land am Nordrand des Mittelmeeres hat seinen Aperitif mit Anisgeschmack. Man stellt sich vor, auf das Meer zu schauen und ab und zu ein Wort mit seiner jeweiligen Begleitung zu wechseln. Nichts muss getan oder gedacht werden. Das perfekte Hier und Jetzt.

Wenn man viele Jahre an der Ostsee lebt, heißt es eher: Lass uns ans Wasser gehen. Zu jeder Jahreszeit läuft man am Wasser entlang. Und häufig hört man sich als Zugezogene den einheimischen, holsteinischen Blues an. Was bedeutet im Blueszustand Westküste? Man versucht zu verstehen. Der Blues handelt vom Sturm an der Westküste, und davon, dass man endlich mal richtigen Wind spüren möchte. Durchgepustet möchte man werden. Der Kopf soll frei werden. Für den Sturm wird der Troyer bis zum Hals hochgezogen, der gelbe Friesennerz zugezogen, es wird in die Gummistiefel hineingestiegen und raus in den Sturm. Man stemmt sich gegen den Wind und kommt voran, aber langsam. Das gehört dazu. Irgendwann zieht sich der Wind zurück. Nun wird der Wunsch nach  einem Grog, Köhm oder ein Tee mit Kluntjes laut.  Man hört auch von den SpaziergängerInnen das Wort Küstennebel.  Eine Ahnung kommt hoch. Der Küstennebel muss etwas Trinkbares sein. Küstennebel hört sich an wie ein herber Schnaps von der nordfriesischen Westküste. Ich habe ihn nie probiert.

Viele Jahre später in Ostfriesland: Man fährt rechts der Ems durch flaches Land, die höchste Erhebung ist das Kernkraftwerk Emsland in Lingen. Die Stadt Emden, zwar Handelszentrum und einen Hafen besitzend, lädt nicht ein zum Verweilen, wenn sie auch berühmt ist durch Otto Waalkes, dem Komiker. An der ostfriesischen Nordseeküste angekommen, in einem Hotel mit Blick auf einen 10 Meter hohen Deich. Der Deich ist begrünt und auf der Seeseite mit breiter Asphaltstraße versehen ist. Wie an der nordfriesischen Küste kaum Bäume, keine Dünen, braunes Wattenmeer und Straßendörfer.

Abends im Hotel entdecke ich den Küstennebel auf der Getränkekarte. Bilder aus aus den Jahren in Holstein ziehen am Erinnerungshorizont auf. Na, jetzt probier ich ihn mal, den Küstennebel. Milchige zwei Zentiliter werden serviert. Ich schmecke und stutze. Nicht die Erinnerung an die nordfriesische Westküste steigt beim Schmecken hoch, ein Bild des Mittelmeeres ist vor meinem inneren Auge. Wie kann das sein? Der Küstennebel schmeckt nach Anis wie der Ouzo, der Pernod, der Pastis, der Raki. Er schmeckt nach Mittelmeer. Eine Ahnung wird Gewissheit. Jahrelang habe ich den Küstennebel vermieden, in der falschen Vorstellung, dass es ein herber, nordfriesischer Kümmelschnaps ist. Nein, es ist ein leichter, milchiger nach Anis und Mittelmeer schmeckender Likör. So viele Jahre habe ich im Falschen gelebt. Wozu an das Mittelmeer reisen, wenn es auch heimischen Anisschnaps gibt? CS

Photo: Catherina Stauch

 

 




Freie Berufe stabilisieren die Mitte der Gesellschaft

sagte NRW Gesundheitsminister Laumann bei der Laudatio der besten Auszubildenden 2022 im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf am 17. November. Die 65 besten von  den 15000 Auszubildenden in Nordrhein erhielten vom Minister persönlich eine Auszeichnung. Der Verband der Freien Berufe hatte die Feierstunde ausgerichtet für die Medizinischen Fachangestellten, die zahnmedizinischen Fachangestellten, die pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten, die Steuerfachangestellten und zwei Vermessungstechniker.

Der Minister, selbst gelernter Maschinenschlosser, führte aus, dass es eine Bedeutung habe, wenn junge Menschen in einem Freien Beruf eine duale Ausbildung machten. Es mache einen Unterschied, sich nicht für einen Großbetrieb oder für eine öffentliche Verwaltung entschieden zu haben. In der Regel arbeite man in kleinteiligen Strukturen. Die hohe Zahl der AbsolventInnen der dualen Ausbildung in den Freien Berufe zeige, wie attraktiv diese Berufe als Lern- und Arbeitsort seien. Man stehe mit seiner Persönlichkeit für den Beruf, der aus seiner Sicht mehr sein sollte als ein Gelderwerb. Der Beruf müsse auch Sicherheit und Planbarkeit des Lebens ermöglichen. Eine gute Arbeit müsse eine sichere Arbeit sein, die Achtung erfahren solle.

Es habe eine Bedeutung, wenn eine Lehre bei einem Freiberufler, der in der Regel auch Praxisinhaber sei gemacht würde. Die Strukturen der freien Berufe, die es fast nur in den deutschsprachigen Ländern gebe,  seien in der Regel unabhängig von Kapitalgesellschaften. Sie seien Teil des Mittelstandes und trügen einen großen Teil zum Wohlstand dieses Landes bei. CS

Photo: Catherina Stauch




Ich könnte weinen…

sagte ein Freund aus Kassel zum neuesten Skandal der Dokumenta fifteen. Am 9. Juli hatte er aus der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeine erfahren, dass die international bekannte, deutsche Medienkünstlerin Hito Steierl ihre Kunst aus dem Naturkundemuseum Ottoneum abbauen lassen wollte.

Viel Frust hatte sich schon angehäuft bei den dokumentabegeisterten KasselerInnen. Das äußerst detailreiche Bild „People`s Justice“ mit über 100 dargestellten Personen der indonesischen Gruppe Taring Padi musste aus dem Zentrum der Stadt entfernt werden. Der Vorwurf lautet Antisemitismus. Die queeren Personen, die im Party Office das Bunte des Lebens feiern wollten, wurden im öffentlichen Raum belästigt. Ein Protagonist,  Joey Cannizzaro, verlässt Kassel, da die Stadt zu gefährlich für ihn und seinesgleichen sei. Ich habe mich auf den Weg nach Kassel gemacht und die Dokumenta 15 besucht.

Die dokumenta 15 zeigt Ergebnisse von Prozessen

Nur mäßig vorgebildet über die Absichten der OrganisatorInnen der Dokumenta 15 spaziere ich wohlgelaunt in das Friedericianum. Ich sehe große, genähte Wandteppiche einer Romagruppe, ich folge einem Film über jesidische Musik, ich lasse den Schriftzug „White lies matter“ wirken. Ich bleibe stehen und überlege mir, wie Gruppen diese Werke geschaffen habe und versuche mir vorzustellen, was für menschliche Interaktionen sich in der Gruppe abgespielt haben könnten während des Enstehungsprozesse. Ich versuche meiner Imagination Zeit zu geben und setzte mich hierzu auf eine der vielen Sitzangebote. Ich begebe mich aus den Innenräume in die Freiluftausstellungen.  Die offene Küche der Britto Arts Trust aus Bangladesch führt zur Vorstellung von gemeinsam in der Küche arbeitenden Menschen mit ihren Gesprächen. Die Installation der Gruppe Nest Collective aus Kenya  „back to sender“ erschüttert damit, dass der Müll aus Industrieländern unsichtbar für die Müllproduzenten gemacht wird und über-sichtbar in den afrikanischen Empfangsländern wird.  Deutschland nimmt den Müll aus Afrika nicht zurück, führt unsere Sobat (indonesisch für GefährtIn oder FreundIn – hier Dokumentaführerin) aus. „Back to sender“ ist nicht möglich.

Die BesucherInnen bekommen eine Aufgabe

Hat man die Einleitung des Begleitheftes über Lumbung, die Arbeitsweise des Kollektivs gelesen, kennt man die Aufgabe, die den BesucherInnen gestellt wird. Man überlegt, wie im Vorfeld der Werksentstehung diskutiert wurde, wie debattiert wurde, wie Streits und Einigungsprozesse ausgetragen wurden.  Es scheint nicht darum zu gehen, das Dargestellte ästhetisch zu beurteilen, sondern sich vorzustellen, welches menschliche Miteinander zu den präsentierten Werken geführt hat. Die Imagination der vorausgegangenen Prozesse in einer Gruppe ist das Anstrengende dieser Dokumenta. Man sieht Kritzeleien an den Wänden mit Pfeilen, Kreisen,  Kreuzungen der Richtungen. Vieles ist kleinteilig und erinnert an Kommunikationskurse in Betrieben oder im Sozialwesen. Was hat die haitianischen KünstlerInnen zu den Metallmenschen inspiriert? Welche Menschen kamen zu dem Schluss, dass die überdimensionierten Phalli wichtig sind als Ausdruck eines kollektiven Prozesses?  Was hat die haitianischen KünstlerInnen zu den Skulpturen mit Gelatinekapseln gebracht? Man überlegt, was überlegt wurde.

Der Verortung der Skandale

Verfolgt man einige Medien, liest und sieht man kaum einen Beitrag über die Ausstellung. Die Artikel und Beiträge hangeln sich von einem Skandal zum anderen. Man fragt sich, wie man soviel schreiben kann, wenn man die Dokumenta nicht selbst besucht hat. Es fehlen die Äußerungen der Kasseler Bürgerinnen und Bürger.

Machtwort aus Berlin?

Die Gesellschafter der gGmbH der Dokumenta sind die Stadt Kassel und das Land Hessen. Im Aufsichtsrat sitzen drei Stadtverordnete der Stadt Kassel, die Kulturdezernentin von Kassel und eine Abgeordnete des Hessischen Landtages, auch eine gebürtige Kasselerin. Haben diese Kollektive keine Idee, wie mit den verschiedenen Skandalen in ihrer Stadt umgegangen werden kann? Haben sie kein Interesse, Kassel lumbungfähig zu machen und selbstkritisch und selbstbewusst aus dem Schlamassel hervorzugehen? Vielleicht wartet man auf ein Machtwort aus Berlin. Was das für die Freiheit der Kunst bedeuten könnte, mag man sich nicht ausmalen.

Man kann noch was tun bis zum 25. September 2022

Man hat den Eindruck, dass die Dokumenta 15 an ihrer Größe scheitert. Zuviele Veranstaltungsorte, zuviele Kollektive, unklare Organisationsstruktur. Das Motto Lumbung beinhaltet das Thema „kollektive Prozesse“. Als die Skandale der Dokumenta 15 anfingen, hätte lumbungmäßig eine offene Diskussion über die Inhalte begonnen werden müssen. Man hätte das jetzt abgehängte Bild People`s Justice analysieren müssen und hieraus Handlungen folgen lassen sollen. Wenn Menschen aus dem größten muslimischen Staat der Welt, Indonesien, also die Gruppe Ruan Grupa sich nicht sehr gut auskennen mit Antisemitismus in Deutschland, wäre das eine Diskussion wert gewesen. Der Kampf der IndonesierInnen gegen den Kolonialismus und die folgenden Diktatur in Bezug auf den Antisemitismus in Europa und vor allem Deutschland könnte als Thema resultieren. Meron Mendel, Leiter der Anne Frank Stiftung Frankfurt hatte sich konstruktiv, analytisch und perspektivenreich zu dem Bild geäußert. Man hätte ihn sich gut als Moderator für die Analyse des Bildes vorstellen können. Nun hat er sich zurückgezogen und mit ihm Hito Steierl.

Die Kasseler BürgerInnen könnten ihr eigenes Lumbung machen

Die Lösung steht in der Einleitung des Begleitheft zur Dokumenta 15: „Als konkrete Praxis ist lumbung der Ausgangspunkt der documenta fifteen: Die Grundsätze Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung stehen im Mittelpunkt der kuratorischen Arbeit und prägen den gesamten Prozess der documenta fifteen.“ Und weiter heißt es: “ Die Documenta fifteen ist keine streng kuratierte Ausstellung, die während der 100 Tage stets dieselbe bleibt. Stattdessen verändern sich die Ausstellungsorte ständig: Sie sind Treffpunkte, Diskussionsforen und Lernorte.“ Und im Handbuch wird vorausschauend geschrieben (S.40): “ Ein großes Format bringt unabsehbare Folgen mit sich. Über die Größenordnung wurde bislang noch nicht hinreichend systematisch nachgedacht.“

Im kollektiven Tagebuch des nordhessischen Autorenpreises schreibt im Beitrag vom 24. Juni ein Kasseler über das Erleben der Schnittstelle Indonesien-Deutschland und die Mühe des Verstehens von Gewalterfahrungen in anderen Kulturen. Und im Beitrag einer Kasselerin vom 27.07.2022 werden Überlegungen zur kollektiven Aufgabe von Erster Hilfe erläutert. Das Kasseler Hugenottenhaus macht anlässlich der Dokumenta ein Projekt zu Erster Hilfe. Die Erste Hilfe braucht die Dokumenta 15 sehr dringend http://www.nordhessischer-autorenpreis.de/tagebuch.html. CS

Photo: Catherina Stauch

 




Europawahlen am 26. Mai 2019

Symbole der Demokratie

Ein Beispiel ist das Hambacher Schloss, wo vom 27. bis 30. Mai 1832 aus allen Bevölkerungsgruppen circa 30 000 Menschen zusammenkamen, um gegen die restriktiven Pressegesetze (Karlsbader Beschlüsse (20. September 1819) zu demonstrieren.

Zitate aus:  Erich Pelzer, Brockhaus Weltgeschichte Band 4 (1650-1850), herausgegeben 1998, Seite 275

„Die liberalen Traditionen haben in Europa tiefe und vielschichtige Wurzeln wie die dem reformatorischen Gedankengut entsprungene deutsche Gewissensfreiheit oder das religiöse Toleranzprinzip bei den NIederländern sowie der Freiheitsgeist der Engländer und Franzosen. In der I. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde um andere Freiheiten gerungen, um die Presse-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, in England vor allem um das Wahlrecht und schließlich im Rahmen von fortschreitender Industrialisierung  und entstehender Arbeiterschaft um das Recht auf gewerkschaftlichen Zusammenschluss und um das Streikrecht…..“

Seite 282, zweiter Abschnitt

„Das politische Leben in Europa kam durch die Julirevolution in Frankreicht kräftig in Bewegung. Hinter der trügerischen Fassade äußerer Ruhe gärte es in vielen Ländern. Das französische Beispiel ermunterte zu Nachahmung und gab den liberalen und freiheitlichen Kräften neuen Auftrieb….“

Seite 283, dritter Abschnitt

„…Der badische Landtag verabschiedete am 28. Dezember 1831 ein „Pressgesetz“, das im Widerspruch zum geltenden Bundesrecht die Zensur aufhob. Die Einheits- und Freiheitsbewegung fand ihren Höhepunkt in der Pfalz. Auf Einladung der beiden liberalen Publizisten Johann Georg August Wirth und Philipp Jacob Siebenpfeiffer trafen sich auf der Ruine des Hambacher Schlosses vom 27. bis 30. Mai 1832 mehr als 30 000 Teilnehmer und beschworen die Parole „Vaterland, Volkshoheit, Völkerbund“. Das Hambacher Fest rief in der deutschen Öffentlichkeit ein großes Echo hervor. Als aber der Versuch einiger Burschenschaftler und Bürger, die Hauptwache und die Konstablerwache in Frankfurt zu stürmen, am 3. April 1833 scheiterte, wurde eine zentrale Untersuchungskommission eingesetzt, die mit Verhaftungen, Verurteilungen und Verboten der Oppositionsbewegung des Vormärz ein Ende setzte….“

 

Seite 287

Heinrich Heine (1797-1856), Protagonist der Zeit

„…Hier hab ich Spitzen, die feiner sind

Als die von Brüssel u Mecheln

Und pak ich einst meine Spitzen aus

Sie werden Euch sticheln u hecheln…“

Im März 2018 besuchte der Präsident der Bundesrepublik Deutschland das Hambacher Schloss. CS

PHOTO:CS