C_ the Unseen – neue Bilder in den Kopf

Chemnitz_die Ungesehene, dieses Motto passt tatsächlich. Wer kennt diese Stadt? Liest man sich den wikipedia Artikel über Chemnitz durch, staunt man, welche Bedeutung diese Stadt als Industriestandort über Jahrhunderte hatte.  Auch die Nähe zum Erzgebirge war für Chemnitz während der letzten Jahrhunderte bedeutend. Und wer war schon in Chemnitz? Den Namen Chemnitz kennt man. Karl-Marx Stadt hieß Chemnitz zu DDR-Zeiten. 1990, also nach der Wende

wurde die Stadt zurückbenannt. 

Die wichtigsten Produkte aus Chemnitz waren Lokomotiven und Textilmaschinen. Man sagte, in Chemnitz wird gearbeitet und produziert,  in Leipzig gehandelt und in Dresden wird der Gewinn verprasst. Selbst als Westdeutsche weiß ich, dass Leipzig bekannt ist für seine Messen und Dresden für seinen Barock. Aber Chemnitz? Also los zu C_the Unseen, nach Chemnitz, die europäische Kulturhauptstadt 2025.

Alte Bilder im Kopf

Wer nicht regelmäßig in die östlichen Bundesländer dieser Republik fährt, hat die Veränderungen der letzten Jahrzehnte nicht wahrgenommen. Man hat noch das Bild der grauen, nicht renovierten Häuser in den Dörfern und der löchrigen Fassaden der Miethäuserreihen, erlitten durch die Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieg im Kopf. Man denkt an holprige Autobahntrassen. Meine inneren Bilder ostdeutscher Städte zeigen mir wenig Buntheit, wenig Lebensfreude in den Gesichtern, wenig Tanz, wenig Kunst, wenig Experimentierfreude im Straßenbild. Aber ich reise wenig. Ich habe die Veränderung der letzten zwei bis drei Jahrzehnte nicht erlebt. Auch Menschen aus dem Westen, die in den ersten Jahren nach der Wende 1989 in die neuen Bundesländer gereist sind, haben ein graues Chemnitz im Kopf. ChemnitzerInnen selbst erinnern sich an eine dachlose St. Jacobi Kirche in der Innenstadt. Viele Jahre musste diese Kirche ohne Dach leben, erzählen sie.

Neue Bilder in den Kopf

Schon die Hinfahrt durch Thüringen mit Stippvisite in Weimar war eine schöne Überraschung. Hügelige grüne Landschaften, vollständig renovierte Häuser, gute Straßenverhältnisse. Ich kannte die ländliche Gegend des Ostens nicht. Zwei Stunden in Weimar: Intakte Häuserzüge, grüne Plätze, die Wohnhäuser unserer „Nationalheiligen“ Goethe und Schilder und auch heilig: „In diesem Hause gab sich das deutsche Volk durch seine Nationalversammlung die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919″. Eine Verfassung auch für Frauen. Das Frauenwahlrecht wurde einführt. „Weimar, I`ll be back…“

Und dann Chemnitz: Der erste Eindruck war: die Stadt ist grün. Das wurde von einer seit 20 Jahren in Chemnitz lebenden Einwohnerin vehement bestätigt. Parks, Gärten und Anlagen unterbrechen den städtischen, steinernen Eindruck. Sie laden zu städtischer Erholung im grünen Schatten ein. Breite Straßen, renovierte Häuserfassaden, interessante Skulpturen, viele Sitzplätze, viel Außengastronomie, blühende Kirschbäume, renovierte Industriebauten. Bürgerhäuser und viele Hinweise auf Museen, Sportstätten, Hochschulen, Krankenhäuser sehen wir vom städtischen Bus aus. Die berüchtigten Plattenbauten, die es durchaus auch im Westen der Republik gibt, haben ebenerdig Geschäfte und Restaurant. Zwischen den Riegeln der Wohnblöcke sind Parks angelegt. Alles wirkt bewohnt. Man schlendert auf breiten Bürgersteigen, in breiten Fußgängerzone, trifft immer wieder auf große und kleine Plätze mit einladenden, bunten Sitzplätzen, die eine angenehmerGepflegtheit ausstrahlen. Man möchte flanieren.

Die alten Bilder einer alten grauen „Oststadt“ sind hinfällig. Chemnitz ist attraktiv. Attraktiv durch die Menschen, attraktiv durch städtische Gestaltung des öffentlichen Raumes. Viermal wurden wir in 24 Stunden angesprochen: „kann ich Ihnen helfen?“ Und hieraus ergaben sich freundliche und informative Gespräche.

Chemnitz C the Unseen. Wer hat sich diesen genialen Titel ausgedacht?

Wie schreibt man über Menschen, wenn man die Menschen nicht kennt? Man kann doch nicht über einen Menschenschlag schreiben, oder? Wenn ich über meinen eigenen Menschenschlag schreibe, sind es subjektive Erfahrungen. Schreibe ich  über einen anderen Menschenschlag,  sind es Zufälle, die die Beschreibung färben. Über „die Italiener“ oder „die Spanier“ spricht man und schreibt man. In der Regel sind es aus deutscher Sicht positive Stereotype, die man nutzt, um die Menschen vom Mittelmeer zu beschreiben.

Aber über einen Menschenschlag in Deutschland zu schreiben, dessen Stadt ich nur 2 Tage besucht habe? Geht das? Wenn mich Menschen in einer fremden Stadt ansprechen und fragen, ob sie mir helfen können und das mehrfach passiert, hinterlässt es gute Gefühle für die mir unbekannte Stadt. Man bekommt ein Bild der Stadt hierdurch. Wenn ich mich erfreut über eine Stadt äußere, in der ich zu Besuch bin, hinterlasse auch ich Spuren bei den EinwohnerInnen. Ich dachte, nur in Italien kann man sich mit unbekannten Menschen unterhalten. Nein, das geht auch in Chemnitz in höchst interessanter, amüsanter und ungeplanter Weise. Zum Beispiel der Rote Turm, wurde uns erzählt, dient als Vorbild für die Form eines Geschirrspülmittels, namens Fit. Der Rote Turm stammt aus dem 12. Jahrhundert und steht heute isoliert zwischen Bauten aus dem 20. Jahrhundert. Die Innenstadt von Chemnitz wurde zu 80 % im 2. Weltkrieg zerstört. Das archäologische Museum sei sehr informativ, man habe die Ausstellungsfunde aus anderen sächsischen Städten übernommen, erzählten mir die Straßenbekanntschaften aus Chemnitz. Nicht nur Dresden muss alle Ausstellungsfunde haben, sagte man, auch Chemnitz soll Exponate haben. Man spürt die unterschwellige Konkurrenz zu Dresden.

Die ChemnitzerInnen

Sie haben sich etwas einfallen lassen. Zum Beispiel die Chemnitzer Garagen. Das soziale Miteinander in der Karl-Marx Stadt der DDR spielte sich in jener Zeit auch in Garagen ab. Die ChemnitzerInnen haben sich daran erinnert und diese sozialen Räume für die Europäische Kulturhauptstadt zugänglich gemacht. Vieles geschah in den Garagen. Es gebastelt, repariert, gegrillt und gesprochen. Die ehemaligen Sterngaragen von 1928 sind erhalten. Der Garagenhof Harthweg steht inmitten von Schrebergärten, und Tennisclub. Grasgrüne Trichter weisen den Weg in diese Garagenwelten.

Für die europäische Kulturhauptstadt wurden sogenannte Interventionsfläche geschaffen. Unter großer Bürgerbeteiligung wurden Brachflächen oder unbeachtete städtische Räume wieder nutzbar gemacht. 8 Bürgerplattformen erhielten jeweils 325 000 Euro. Mit diesem Geld sanierten sie Vereinsräume, gestalteten Parks oder Spielplätze. Auch der Marktbrunnen „Manifold“ von Daniel Widrig, einem Stapel ungleich großer Unterlegscheiben aus Stahl ähnlich sehend, war Teil dieser Projekte. Dieser Brunnen steht vor dem Rathaus. Der Gegensatz zur eher abstrakten Kunst bildet der riesige Kopf von Karl Marx vor einem Plattenbaublock. Die Größe dieses Kopfes wirkt ironisch. Im Park vor dem Kopf fast ein wenig peinlich anzusehen im Zeitalter der Inklusion und Diversität: Die skulpturale Darstellung überlebensgroßer, sehr gesunder Körper mit dem Titel: Würde, Schönheit und Stolz des Menschen im Sozialismus (von Gerd Jaeger, 1974). Hinter dem „Nischel“, dem Karl Marx Kopf höre das öffentliche Leben auf, sagte man uns. Hinter diesem Häuserblock sei keine positive, menschliche Belebung gelungen. The Unseen?

2025 zählt Chemnitz circa 240 000 EinwohnerInnen. Müsste ich mich zwischen Städten von ähnlicher Einwohnerzahl wie Kiel oder Kassel entscheiden, würde ich mich wahrscheinlich für Chemnitz entscheiden. Es gibt so viele Initiativen der ChemnitzerInnen, dass man stündlich neugieriger wurde zu erfahren, was noch alles geschaffen worden ist und wie gelebt wird.

„Ich denke immer an den Himmel, den ich über mir sah als ich nach Chemnitz zog und in die Jacobikirche ging“ sagte eine Einwohnerin. Die durch Bombardierung beschädigte St. Jakobikirche hatte über Jahrzehnte, auch nach der Wende, kein Dach. Die Säulen der Gewölbe lagen herum. Jetzt ist sie renoviert und dient als Kulturstätte für Konzerte, Ausstellungen, Gebete, Gottesdienste. Chemnitz, ich komme wieder. 48 Stunden waren viel zu wenig. Aber für einen höchst positiven Eindruck hat es gereicht. „it is not the Unseen anymore…“.

CATHERINA STAUCH PHOTO CATHERINA STAUCH (aus dem Hartmanngebäude heraus fotografiert)

Zum Weiterlesen

www.wikipedia

www.chemnitz.de/interventionsflaechen

www.parcours.chemnitz2025.de

www.garagen-campus.de/campusgeschichten




Der Tisch schafft Begegnung

Die NiederländerInnen sind großzügig. Fährt man mit dem Fahrrad durch ihre Dörfer wird einem häufig Einblick in die Erdgeschosse gewährt. Ich möchte nicht als neugierige Deutsche beobachtet werden. Also steige ich nicht vom Fahrrad ab, um durch gardinenlose, große, ebenerdige Fenster eines Reihenhauses zu gaffen. Aber das Vorbeiradeln reicht meist, um den Raum mit den Augen zu erfassen.

Fahre ich tagsüber vorbei, sehe ich häufig einen großen Tisch umstellt mit mindestens 6 hochlehnigen Stühlen. Um die Möbelgruppe ist Raum. Die Stühle haben Platz. Sie stehen mit Abstand zueinander. Es ist Raum hinter ihnen. Sie können gut von dem Tisch zurückgezogen werden. Dem Tisch und seinen Stühlen wird viel Raum eingeräumt. Man muss sich nicht schräg reinquetschen oder den Bauch einziehen, um sich an den Tisch zu setzen. Nichts muss verrückt werden, wenn alle sich um den Tisch herumsetzen wollen. Der Tisch mit seinen Stühlen im niederländischen Raum hat den besten Platz im Raum und kann jederzeit benutzt werden. Der Tisch ist jederzeit bereit für seine Aufgaben.

Die Wirkung des Hineinblickens

Der Anblick ist schön. Sofort fühlt man sich angezogen von der Vorstellung, wie Menschen um den Tisch herumsitzen und miteinander sprechen. Angenehme Bilder entstehen in meinem Kopf. Ich schaue nochmal genau hin. Die Fenstersimse sind meist niedrig. Meist stehen zwei gleiche Vasen oder zwei andere gleichartige Objekte mittig auf der Fensterbank. Die Symmetrie der Objekte hat eine beruhigende Wirkung. Häufig kann man durch den Raum hindurch sehen. Am Ende des Raumes sieht man aus dem Haus heraus. Zwischen eintretendem und austretendem Blick ist nicht selten hinter dem Tisch mit den Stühlen eine kleine Sitzecke zu sehen. Es ist eine Ein- oder Zweipersonenecke. Es ist ein Kontrast zu dem großen Tisch. Eine typisch deutsche Couchgarnitur sieht man in den Niederlanden selten. Ich spüre ein „Kommreingefühl“.

Kreuzungen am Tisch sind möglich

Viele Tätigkeiten sind an dem großen Tisch möglich. Morgendliches Kaffeetrinken und Zeitunglesen, Einkaufszettel schreiben und Homeoffice. Die Post vom Vortag kann unsortiert am anderen Ende des Tisches liegen. Kinder können Hausaufgaben machen. Meist ist es nicht weit zu den Wasserkochern für Tee und Kaffee. Menschen können am Tisch spielen, basteln, nähen, reparieren. Der Tisch kann mit einem geerbten Leintuch bedeckt werden und für Gäste mit dem Besten aus dem Geschirrschrank vorbereitet werden. Musik kann im Hintergrund dudeln. Menschen können allein oder gemeinsam am Tisch essen. Fast jede häusliche Aktivität kann an einem großen Tisch stattfinden. Es ist der Treffpunkt der Menschen. Viele Tätigkeiten kreuzen sich am Tisch.

Abstand und Augenhöhe

 Am Tisch kann man gemeinsam oder allein sitzen. An einem großen Bibliothekstisch kann jede Person für sich lesen und schreiben. Der Abstand zur nächsten Person wird der größtmögliche sein.

Die Menschen, die zum Abendessen zusammengekommen sind werden sich in gleichem Abstand zueinander setzen. Die TeilnehmerInnen einer Gesprächs- oder Diskussionsrunde werden sich ebenso in gleichem Abstand zueinander setzen. Der Aufenthaltsraum in einem Betrieb mit einem großen Tisch wirkt einladend auf alle MitarbeiterInnen. Selbst der Chef oder die Chefin möchten TeilnehmerIn dieser Tischrunde sein.

Diesen Situationen ist gemeinsam, dass alle um den Tisch Sitzende sich in Augenhöhe zueinander befinden. Das Kind im Kindersitz ist ein fast gleichberechtigtes Mitglied der Runde. Die Abstände zwischen den Menschen werden intuitiv gestaltet. Die Runde schließt sich hierdurch. Die Menschen haben sich zueinander ausgerichtet.

Alle müssen sich bewegen

Die Runde um den Tisch ist geschlossen. Die Gesichter sind zur Mitte gerichtet. Die Blicke der Menschen kreuzen sich über dem Tisch. Nach außen zeigen die Menschen ihre Rücken. Das Signal ist: wir sind eine Gemeinschaft. Um jemand Neues in die Runde zu lassen, müssen sich alle bewegen. Alle Stühle müssen verrückt werden, um die Runde zu erweitern. Die Abstände untereinander verändern sich. Verlässt jemand die Tischrunde ändern sich die Abstände erneut. Die Zurückbleibenden müssen sich neu sortieren, eventuell ihr Gesprächsthema anpassen.

Wenn man zusammen am Tisch speist, erzählt oder diskutiert, erzeugt es Unwohlsein, wenn man die Namen der Menschen in der Runde nicht kennt. Unwillkürlich meidet man die Person, die man nicht kennt. Vielleicht betrachtet man sie verstohlen. Mutige richten das Wort an die in dem Moment für sie noch Namenlose. 

Vorbereiten des Ortes der Begegnung

Häufig gibt man sich Mühe, um den Ort der Begegnung, den Tisch vorzubereiten für die Begegnung. Man säubert den Tisch, manchmal bedeckt man ihn mit einem Tuch. Man stellt Geschirr, Besteck, Gläser und Servietten auf den Tisch. Betreten die Gäste den Raum, in dem der Tisch gedeckt ist, hört man häufig „ah“ und „oh“. Die Gäste fühlen sich willkommen. Deckt man den Tisch gemeinsam mit einem Menschen, der auch später am Tisch sitzen wird, hat man schon die Begegnung begonnen, die beim gemeinsamen Platznehmen und der gemeinsamen Zeit am Tisch fortgesetzt wird.

Die Runde muss sich öffnen, um die Beobachtung zu erlauben

Steht man außerhalb der Tischrunde, zum Beispiel mit einem Fotoapparat, sieht man Menschen sowohl in ihre Gesichter als auch auf ihre Rücken. Nie wird man alle Menschen so fotografieren können, dass sie gleichberechtigt zu sehen sind. Es gibt keine Position für die Photolinse, alle Menschen aus der Runde gleich auf ein Photo zu bannen. Die Linse blickt den Menschen ins Gesicht, sieht sie von der Seite, sieht sie von hinten. Man muss die Runde stören, um alle Gesichter auf das Photo zu bekommen. Einige Menschen müssen sich verrenken, um ihr Gesicht sichtbar für die Photografie zu machen. Es entsteht Unruhe, wenn jemand fotografieren will. Wenn alle mit allen in Kontakt sind, ist eine photografische Abbildung nicht möglich. Irgendjemand fehlt immer. Nicht einmal von oben kann man die Menschen während ihres Austausch abbilden, man sieht die Köpfe nur von oben. Keine Panoramaaufnahme der Tischrunde würde das Gespräch zwischen den Menschen nachvollziehbar machen. Der Austausch der Tischrunde ist exklusiv und nicht abbildbar in ihrem Tun. Könnte dies auch ein nötiger und gewünschter Schutz sein?

Begegnungen

Es ist die Vorstellung, was ein großer Tisch mit Stühlen in einer Wohnung, einem Haus, einem Anwesen alles erlebt hat, die mich ergreift. Erinnerungen, die nicht meine sind, können aufsteigen angesichts der Tische mit ihren Stühlen. Wieviele Begegnungen hat der Tisch erlebt? Wie sind die Begegnungen verlaufen? Hat man sich am Tisch erzählt oder gestritten, hat man diskutiert? War es harmonisch oder feindselig? Wie ist man auseinander gegangen? Will man wieder zu diesem Tisch zurückkommen? Unbeantwortbare Fragen. Was hat der Tisch geleistet? Diese Frage kann beantwortet werden. Der Tisch hat Begegnung gestiftet.

CATHERINA STAUCH

PHOTO CATHERINA STAUCH




Menschen geben Energie

Wir befinden uns im November 2024. Man sollte nicht zum Fenster hinausschauen.  Wie zu erwarten ist es draußen grau, regnerisch und stürmisch. Aber es geht noch schlimmer. Der November 2022 war noch schlimmer.  Wir kamen aus der Pandemie.  Das Leben in der Pandemie war nicht nichts. Aber es hatte eine Tendenz in Richtung nichts. Es gab so viele Nichts:Nicht in die Schule gehen dürfen, nicht FreundInnen sehen können, nicht in die Vorlesung gehen dürfen, nicht zu Erstsemesterfeiern gehen können, nicht zu Besprechungen gehen dürfen, nicht essen gehen können, nicht in die Kneipe gehen dürfen, nicht zu Versammlungen gehen können, nicht in öffentliche Verkehrsmittel gehen, nicht in der Gruppe spazieren gehen sollen, nicht die Kranken im Krankenhaus besuchen dürfen, nicht die Alten in den Seniorenheimen sehen können, nicht zu Beerdigungen gehen dürfen. Die Zahl der „Nichts“ hörte nicht auf.

Leben vom Bestand, leben in Kacheln

Wir lebten vom Bestand in der Pandemie. Vom Bestand an Freunden und Freundinnen, vom Bestand an Kolleginnen und Kollegen, mit denen man den Kontakt aufrecht erhalten konnte über Virtualität. Neue Lebensabschnitte zu beginnen war fast unmöglich. Man konnte keine neuen Freunde gewinnen, keine gleichgesinnten KommilitonInnen im ersten Semester an der Universität kennenlernen, man konnte keine Geburtstagsfeiern abhalten, keine Abiturfeiern organisieren, kein Vereinsleben gestalten.  Hatten die Menschen keine Freundschaften in ihrem Leben vor der Pandemie, konnten sie keine  während der Pandemie aufbauen. In der Übergangssituation von Schule zur Ausbildung oder zum Studium existierte nichts. Es gab keine Perspektive. Bestenfalls gab es ein Leben im virtuellen Kachelmodus. Die Kacheln wurden beliefert vom Bestand der vorpandemisch bestehenden Kontakte. Es blieb nur der Besuch des Supermarktes, um Menschen zu treffen.

Ein erster Ausflug nach der Pandemie

Der erste Ausflug führte uns nach Ostfriesland an die Nordsee. Wir fahren auf der deutschen Seite der Ems in Richtung niedersächsische Küste. Ein Blick aus dem Auto und man hat den Himmel und das flache Land gesehen. Der nächste Blick zeigt nichts anderes. Himmel und braune Felder ohne Hecken, Bäume oder Baumgruppen um Häuser. Die Ebene zwischen Ems und Aurich, zwischen Norden und Emden ist ereignislos für die Augen und das Gemüt. Nur Lingen mit seinem Schornstein des ehemaligen AkW erhebt sich rechts der Autobahn.

Ein kleines Hotel hinter dem Deich bot kurzfristig Unterkunft.  Ein hoffnungsvoller Aufstieg auf den 8 Meter hohen Deich bot dem neugierigen Blick das graubraune Wattenmeer.  Der Blick nach links zeigte den geteerter Deich in Richtung des kleinen Ortes Greetsiel. Der Blick nach rechts zeigte den geteerten Deich in Richtung der Stadt Norden. Keine Dünen, keine Strandkörbe. Wellenbrecher auf dem Störtebeker Deich. Gelegentlich sah man Hinweise auf die Finanzierung des Küstenschutz durch die Europäische Union. Es gab Hinweise auf die Priele im Wattenmeer, auf die Moore und sumpfige Flächen, genannt Fehne. Markierungen auf den Straßen für den Regionalsport Bosseln. Niemand bosselte. Bei Windstille war gutes Fahrradfahren auf dem Deich möglich. Was sahen wir hierbei? Weite, Weite Weite. Nach jahrelangem pandemischen Nichts will ich keine Weite. Ich will Menschen sehen.

Bitte Menschen, zeigt Euch

Die Suche nach Leben in den kleinen Städten des Emslandes war erfolglos. Anfang November gibt es kaum noch Restauration. Es gibt keine Menschen in Strandkörben, keine Sandburgen bauende Familien, keine belebten Cafes, kaum Surfer. Die Augen und das Gemüt nahmen wahr: braune Felder, graubraunes Wattenmeer, graue Asphaltdecke der Deiche. Alles nicht das Richtige nach der Zeit des Nichts. Aber: in Greetsiel bewegten sich Menschen zwischen den spärlichen Sonnenstrahlen, sie leckten ihr Eis, aßen Krabben, staunten über die alten Kutter. Aufatmen, es gibt sie noch. Die Menschengruppen, die sich treiben lassen, es sich gut gehen lassen. Sie senden als mir unbekannte Gruppe Schwingungen aus, die ich empfange, ohne diese Menschen zu kennen.

Zurück im Hotel hinter dem Deich hatten wir mehr Energie. Wir hatten die Anwesenheit von Menschen erlebt. Erstaunt stellte ich fest, dass ich mich auch auf Menschen freue, die ich nicht kenne. Ich freue mich auf Menschen, deren Schwingungen ich empfange im Supermarkt, in der Straßenbahn, in der Fußgängerzone, im Imbiss. Sie haben eine Bedeutung, ohne dass ich diese Menschen kenne. Wir Menschen brauchen uns, auch wenn wir uns nicht kennen.

CATHERINA STAUCH

PHOTO CATHERINA STAUCH