Juchhu, ich habe mich in der Kunst entdeckt

„Licht durch die Linse“ ist ein deutsch-niederländisches Projekt, an dem 10 Institutionen als Projektpartner teilgenommen haben. Die Ausstellung ist vom 10. Mai bis zum 15. Juni 2026 in der Wasserburg Rindern, Kleve zu sehen. Ausgeschrieben war das Projekt mit dem Ziel, grenzübergreifend die eigene Heimat in der Grenzregion zu entdecken. Die 400 TeilnehmerInnen kommen aus Bangladesh, Israel, Iran, Indien, Mexiko, Deutschland und den Niederlanden. 50 Photografien wurden ausgewählt und hängen nun in der Wasserburg. Sie hängen dort nicht als Originale, sondern sie sind durch Spiegel, Glitzer und Bling-bling verändert worden. Eine Gruppe von 20 Menschen waren an diesen Veränderungen beteiligt.

Städtische Ansichten und Landschaften zwischen Kleve und Nijmegen waren eingereicht worden. Geht man durch die Ausstellung, um sich die Fotografien genauer anzusehen, entdeckt man  unterschiedlich große Spiegelstücke und Glitzersteine in allen Fotografien. Verblüfft versuche ich, die Symbolik der Spiegel und der Steine zu verstehen. Ich bin interessiert daran, mich auf diese Idee einzulassen. Kann ich durch die Spiegel etwas sehen, was ich ohne Spiegel nicht sehe? Wie ist die Fotografie durch den Gruppenprozess verändert worden? Sollen wir BetrachterInnen assoziieren und die Spiegel zwischen den Ländern anbringen? In der Gesprächstherapie spricht man davon, dass Gesprochenes von einer anderen Person gespiegelt werden kann. In der EDV spricht man davon, dass Rechner gespiegelt werden. Wie könnten wir Menschen uns beidseits der Landesgrenze spiegeln? Sollen die zahlreichen Nationalitäten des Wettbewerbes durch die Spiegel in den Bildern hervorgehoben werden? Spiegel vergrößern Räume, Spiegel multiplizieren Bewegung in den Räumlichkeiten. Ändert sich etwas, wenn ich in diese Spiegel schaue?

Ich versuche, einige Kunstwerke zu fotografieren. Ich will mir die Fotografien zu Hause ansehen, um über die Spiegelinstallationen weiter zu reflektieren. Ich muss feststellen, dass ich nicht ein Bild vollständig abbilden kann.  Die Glitzersteine und die Spiegel reflektieren so stark in der digitalen Handykamera, dass nicht ein Bild akzeptabel fotografierbar ist. Die Fotografie weicht zurück durch die Reflektion in den Spiegel. Doch plötzlich entdecke ich etwas: in einem Spiegel entdecke ich mich selbst. Das verhältnismäßig große Spiegelstück enthält mich als fotografierende Person. Ich sehe es: ich bin vollständiger Teil der Fotografie. Mein Konterfei fällt nicht auf und ist doch deutlich zu sehen. War das die Intention der FotografInnen? Sich selbst in der Fotografie entdecken? Juchhu! Ich habe mich in der Kunst entdeckt! Dieses Kunstwerk hat mir durch seinen Spiegel ermöglicht, etwas zu sehen, was ich sonst nicht sehen kann, nämlich mich selbst in der Kunst.

CATHERINA STAUCH

PHOTO: nach Auskunft eines Projektverantwortlichen sind die Fotografien freigegeben.

Projektbeteiligte: Stadt Kleve, Stadt Nijmegen, Hochschule Rhein-Waal, University of Applied Sciences, MUSEUMPARK ORIENTALIS, Lindenberg cultuurhuis, Stichting ElanArt, Wasserburg Rindern, Haus Mifgash Kleve

 




C_ the Unseen – neue Bilder in den Kopf

Chemnitz_die Ungesehene, dieses Motto passt tatsächlich. Wer kennt diese Stadt? Liest man sich den wikipedia Artikel über Chemnitz durch, staunt man, welche Bedeutung diese Stadt als Industriestandort über Jahrhunderte hatte.  Auch die Nähe zum Erzgebirge war für Chemnitz während der letzten Jahrhunderte bedeutend. Und wer war schon in Chemnitz? Den Namen Chemnitz kennt man. Karl-Marx Stadt hieß Chemnitz zu DDR-Zeiten. 1990, also nach der Wende

wurde die Stadt zurückbenannt. 

Die wichtigsten Produkte aus Chemnitz waren Lokomotiven und Textilmaschinen. Man sagte, in Chemnitz wird gearbeitet und produziert,  in Leipzig gehandelt und in Dresden wird der Gewinn verprasst. Selbst als Westdeutsche weiß ich, dass Leipzig bekannt ist für seine Messen und Dresden für seinen Barock. Aber Chemnitz? Also los zu C_the Unseen, nach Chemnitz, die europäische Kulturhauptstadt 2025.

Alte Bilder im Kopf

Wer nicht regelmäßig in die östlichen Bundesländer dieser Republik fährt, hat die Veränderungen der letzten Jahrzehnte nicht wahrgenommen. Man hat noch das Bild der grauen, nicht renovierten Häuser in den Dörfern und der löchrigen Fassaden der Miethäuserreihen, erlitten durch die Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieg im Kopf. Man denkt an holprige Autobahntrassen. Meine inneren Bilder ostdeutscher Städte zeigen mir wenig Buntheit, wenig Lebensfreude in den Gesichtern, wenig Tanz, wenig Kunst, wenig Experimentierfreude im Straßenbild. Aber ich reise wenig. Ich habe die Veränderung der letzten zwei bis drei Jahrzehnte nicht erlebt. Auch Menschen aus dem Westen, die in den ersten Jahren nach der Wende 1989 in die neuen Bundesländer gereist sind, haben ein graues Chemnitz im Kopf. ChemnitzerInnen selbst erinnern sich an eine dachlose St. Jacobi Kirche in der Innenstadt. Viele Jahre musste diese Kirche ohne Dach leben, erzählen sie.

Neue Bilder in den Kopf

Schon die Hinfahrt durch Thüringen mit Stippvisite in Weimar war eine schöne Überraschung. Hügelige grüne Landschaften, vollständig renovierte Häuser, gute Straßenverhältnisse. Ich kannte die ländliche Gegend des Ostens nicht. Zwei Stunden in Weimar: Intakte Häuserzüge, grüne Plätze, die Wohnhäuser unserer „Nationalheiligen“ Goethe und Schilder und auch heilig: „In diesem Hause gab sich das deutsche Volk durch seine Nationalversammlung die Weimarer Verfassung vom 11. August 1919″. Eine Verfassung auch für Frauen. Das Frauenwahlrecht wurde einführt. „Weimar, I`ll be back…“

Und dann Chemnitz: Der erste Eindruck war: die Stadt ist grün. Das wurde von einer seit 20 Jahren in Chemnitz lebenden Einwohnerin vehement bestätigt. Parks, Gärten und Anlagen unterbrechen den städtischen, steinernen Eindruck. Sie laden zu städtischer Erholung im grünen Schatten ein. Breite Straßen, renovierte Häuserfassaden, interessante Skulpturen, viele Sitzplätze, viel Außengastronomie, blühende Kirschbäume, renovierte Industriebauten. Bürgerhäuser und viele Hinweise auf Museen, Sportstätten, Hochschulen, Krankenhäuser sehen wir vom städtischen Bus aus. Die berüchtigten Plattenbauten, die es durchaus auch im Westen der Republik gibt, haben ebenerdig Geschäfte und Restaurant. Zwischen den Riegeln der Wohnblöcke sind Parks angelegt. Alles wirkt bewohnt. Man schlendert auf breiten Bürgersteigen, in breiten Fußgängerzone, trifft immer wieder auf große und kleine Plätze mit einladenden, bunten Sitzplätzen, die eine angenehmerGepflegtheit ausstrahlen. Man möchte flanieren.

Die alten Bilder einer alten grauen „Oststadt“ sind hinfällig. Chemnitz ist attraktiv. Attraktiv durch die Menschen, attraktiv durch städtische Gestaltung des öffentlichen Raumes. Viermal wurden wir in 24 Stunden angesprochen: „kann ich Ihnen helfen?“ Und hieraus ergaben sich freundliche und informative Gespräche.

Chemnitz C the Unseen. Wer hat sich diesen genialen Titel ausgedacht?

Wie schreibt man über Menschen, wenn man die Menschen nicht kennt? Man kann doch nicht über einen Menschenschlag schreiben, oder? Wenn ich über meinen eigenen Menschenschlag schreibe, sind es subjektive Erfahrungen. Schreibe ich  über einen anderen Menschenschlag,  sind es Zufälle, die die Beschreibung färben. Über „die Italiener“ oder „die Spanier“ spricht man und schreibt man. In der Regel sind es aus deutscher Sicht positive Stereotype, die man nutzt, um die Menschen vom Mittelmeer zu beschreiben.

Aber über einen Menschenschlag in Deutschland zu schreiben, dessen Stadt ich nur 2 Tage besucht habe? Geht das? Wenn mich Menschen in einer fremden Stadt ansprechen und fragen, ob sie mir helfen können und das mehrfach passiert, hinterlässt es gute Gefühle für die mir unbekannte Stadt. Man bekommt ein Bild der Stadt hierdurch. Wenn ich mich erfreut über eine Stadt äußere, in der ich zu Besuch bin, hinterlasse auch ich Spuren bei den EinwohnerInnen. Ich dachte, nur in Italien kann man sich mit unbekannten Menschen unterhalten. Nein, das geht auch in Chemnitz in höchst interessanter, amüsanter und ungeplanter Weise. Zum Beispiel der Rote Turm, wurde uns erzählt, dient als Vorbild für die Form eines Geschirrspülmittels, namens Fit. Der Rote Turm stammt aus dem 12. Jahrhundert und steht heute isoliert zwischen Bauten aus dem 20. Jahrhundert. Die Innenstadt von Chemnitz wurde zu 80 % im 2. Weltkrieg zerstört. Das archäologische Museum sei sehr informativ, man habe die Ausstellungsfunde aus anderen sächsischen Städten übernommen, erzählten mir die Straßenbekanntschaften aus Chemnitz. Nicht nur Dresden muss alle Ausstellungsfunde haben, sagte man, auch Chemnitz soll Exponate haben. Man spürt die unterschwellige Konkurrenz zu Dresden.

Die ChemnitzerInnen

Sie haben sich etwas einfallen lassen. Zum Beispiel die Chemnitzer Garagen. Das soziale Miteinander in der Karl-Marx Stadt der DDR spielte sich in jener Zeit auch in Garagen ab. Die ChemnitzerInnen haben sich daran erinnert und diese sozialen Räume für die Europäische Kulturhauptstadt zugänglich gemacht. Vieles geschah in den Garagen. Es gebastelt, repariert, gegrillt und gesprochen. Die ehemaligen Sterngaragen von 1928 sind erhalten. Der Garagenhof Harthweg steht inmitten von Schrebergärten, und Tennisclub. Grasgrüne Trichter weisen den Weg in diese Garagenwelten.

Für die europäische Kulturhauptstadt wurden sogenannte Interventionsfläche geschaffen. Unter großer Bürgerbeteiligung wurden Brachflächen oder unbeachtete städtische Räume wieder nutzbar gemacht. 8 Bürgerplattformen erhielten jeweils 325 000 Euro. Mit diesem Geld sanierten sie Vereinsräume, gestalteten Parks oder Spielplätze. Auch der Marktbrunnen „Manifold“ von Daniel Widrig, einem Stapel ungleich großer Unterlegscheiben aus Stahl ähnlich sehend, war Teil dieser Projekte. Dieser Brunnen steht vor dem Rathaus. Der Gegensatz zur eher abstrakten Kunst bildet der riesige Kopf von Karl Marx vor einem Plattenbaublock. Die Größe dieses Kopfes wirkt ironisch. Im Park vor dem Kopf fast ein wenig peinlich anzusehen im Zeitalter der Inklusion und Diversität: Die skulpturale Darstellung überlebensgroßer, sehr gesunder Körper mit dem Titel: Würde, Schönheit und Stolz des Menschen im Sozialismus (von Gerd Jaeger, 1974). Hinter dem „Nischel“, dem Karl Marx Kopf höre das öffentliche Leben auf, sagte man uns. Hinter diesem Häuserblock sei keine positive, menschliche Belebung gelungen. The Unseen?

2025 zählt Chemnitz circa 240 000 EinwohnerInnen. Müsste ich mich zwischen Städten von ähnlicher Einwohnerzahl wie Kiel oder Kassel entscheiden, würde ich mich wahrscheinlich für Chemnitz entscheiden. Es gibt so viele Initiativen der ChemnitzerInnen, dass man stündlich neugieriger wurde zu erfahren, was noch alles geschaffen worden ist und wie gelebt wird.

„Ich denke immer an den Himmel, den ich über mir sah als ich nach Chemnitz zog und in die Jacobikirche ging“ sagte eine Einwohnerin. Die durch Bombardierung beschädigte St. Jakobikirche hatte über Jahrzehnte, auch nach der Wende, kein Dach. Die Säulen der Gewölbe lagen herum. Jetzt ist sie renoviert und dient als Kulturstätte für Konzerte, Ausstellungen, Gebete, Gottesdienste. Chemnitz, ich komme wieder. 48 Stunden waren viel zu wenig. Aber für einen höchst positiven Eindruck hat es gereicht. „it is not the Unseen anymore…“.

CATHERINA STAUCH PHOTO CATHERINA STAUCH (aus dem Hartmanngebäude heraus fotografiert)

Zum Weiterlesen

www.wikipedia

www.chemnitz.de/interventionsflaechen

www.parcours.chemnitz2025.de

www.garagen-campus.de/campusgeschichten




Kommentar zu „Männerwelt unter Plagiatsverdacht“ von Jan Brachmann

Noten

Der Titel des Artikels (FAZ 23. August 2024) von Jan Brachmann „Männerwelt unter Plagiatsverdacht“ ist so eindeutig, dass man es nicht glauben kann. Es geht um seit Jahrhunderten stattfindendem Diebstahl an geistigem Eigentum von Frauen. Auch heute ist diese deutliche Stellungnahme gegenüber der männlichen Einverleibung von weiblichen Leistungen nicht üblich. Sowohl mit dem Begriff „Männerwelt“ als auch dem Begriff „Plagiatsverdacht“ im Titel seines Artikels stellt der Journalist unverschleiert den Straftatbestand des Plagiats dar. Das ist selten in der patriarchalen Weltordnung.

Die Komponistin ist älter als Beethoven

Brachmann schreibt über das Klavierfestival „Raritäten der Klaviermusik in Husum (17. bis 24. August 2024). Mit dem Wort „Erschütterung“ beschreibt er die Ähnlichkeit der Musik der deutschen Romantiker zu der Musik der französischen Komponistin Helène de Montgeroult. Nur: die Komponistin (1764 -1836), ist deutlich älter als Beethoven (6 Jahre), Schubert (33 Jahre), Mendelssohn-Bartholdy (45 Jahre) und Chopin (46 Jahre). Allein aus diesen Zahlen ist der Plagiatsverdacht unumgänglich. Es ergibt sich hieraus die Notwendigkeit der Neuschreibung der Musikgeschichte in Bezug auf die deutsche Romantik und in Bezug auf die deutlich ältere Komponistin, schreibt Jan Brachmann. Die Geburtsjahre sind ein unbestechliches Argument für das Plagiat gegenüber der Ähnlichkeit der Musik zu der älteren, weiblichen französischen Komponistin.

Vergessen ist ein Machtmittel

Diebstahl an geistigem Eigentum ist heute ein Straftatbestand, der mit Freiheitsstrafen bis zu 3 Jahren belegt kann. Trotzdem werden diese Taten, begangen an weiblichen Leistungen auch heute noch oft bagatellisiert. Man spricht davon, dass es „andere Zeiten“ waren. Damit ist nicht nur das 18. und 19. Jahrhundert, sondern auch das 20. Jahrhundert gemeinst. Häufig werden weibliche Leistungen einfach vergessen. Geschlechtsspezifische Amnesie als Machtmittel wirkt. Sie beraubt Frauen ihres kulturellen Erbes mit der Folge des Verlustes ihres kulturellen Gedächtnisses. Vergessen ist ein Machtmittel von Siegern. „Vergessen“ ist ein „sanftes“ Mittel um kulturelles Erbe zu zerstören. Man merkt es nicht sofort, wenn die Namen der Frauen nicht mehr oder seltener erwähnt werden.  Das „Vergessen“ ist wirkungsvoll wie das siegerhafte, militärisches  Zerstören von Museen, Kirchen und Archiven und das Verbot von Sprachen. Die Sieger nehmen den Besiegten die kulturelle Identität. Ohne Vergangenheit kann niemand leben, sagt die Kulturwissenschafterin Aleida Assmann. Dies gilt auch für Frauen mit ihrer Geistesgeschichte.

Wir brauchen solche Klarstellungen und klare Stellungnahmen zum Thema Raub des geistigen Eigentums an Frauen wie Herr Brachmann sie geschrieben hat. Dieser Baustein trägt bei zur Korrektur und Rekonstruktion der weiblichen sowie männlichen Kulturgeschichte.

CATHERINA STAUCH

PHOTO CATHERINA STAUCH