Das grüne Allgäu hat ein Problem
Es leidet an Wassernot. Die Zisternen der Privathaushalte und der landwirtschaftlichen Betrtiebe versiegen zusehends. Viele sind trocken nach dem Sommer 2026. Wiggensbach, circa 14 km nordwestlich von Kempten gelegen ist eine Gemeinde, die stark betroffen ist.
Regionale Verteilung
Das Bayrische Landesamt für Umwelt (2018) gibt den Anschlussgrad der bayerischen Bevölkerung an die öffentliche Wasserversorgung mit 99,2 % an (Umweltstatistik Bayern 2013). Allerdings zeigt die Grafik gerade das Oberallgäu im äußersten Südwesten und das südöstliche Bayern als Region mit deutlich geringerem Anschlussgrad. Fährt man durch die grünen Hügel des Voralpenlandes sieht man in den Wiesen die Quelltöpfe. Diese Kleinanlagen zur Eigenversorgung gibt den Eigentümern von dezentralen Höfen und Anwesen eine gewisse Autarkie. Doch die Anforderungen an die Kleinanlagen sind aufwändig. In der Anschaffung und im Betrieb teure Desinfektionsanlagen mit verpflichtenden Nachweisen für die mikrobiologische Untersuchungen werden benötigt. Bei schlechten Werten erteilt das Gesundheitsamt im Einzelfall sogenannte Abkochanordnungen an die Eigentümer.
Akute Selbsthilfe bei Wasserlosigkeit
Seit Juli 2026 sind viele private Kleinanlagen in Wiggensbach von der Wassernot betroffen. Was bedeutet es, kein Wasser zu haben? Man kann sich nicht mal eben einen Kaffee kochen, sich nicht mal eben die Hände waschen, man kann erstmal nicht kochen, zum Beispiel Salzkartoffeln. Das Geschirr kann nicht jederzeit gespült werden. Die Geschirrmaschine und die Waschmaschine können nicht genutzt werden. Man hat kein Wasser für die Toilette, geschweige denn für eine Körperpflege. Auch kann man die Wohnstatt nicht putzen. Das Wetter ist schön, der Himmel blau, die Luft lau, auf der Terrasse ist Urlaub, aber die tägliche Dusche ist Geschichte. Also muss kurzfristige Abhilfe erfolgen. Das Besorgen von 20 Liter Kanister für den Gebrauch in der Küche, eine Auffangbecken für Regenwasser aussuchen, um dies für die Toilette zu nutzen. Möglichst freundliche, nicht von der Wassernot betroffene Menschen kennen und ansprechen, um kurzfristig einige Kanister mit Wasser befüllen zu können. Ein Anruf bei der Gemeinde Wiggensbach war ergiebig. Der gemeindeeigene Bauhof gibt Wasser an Anwohner aus. Und plötzlich wird es sichtbar: auf den Straßen der Gemeinde sind viele Traktoren mit Anhänger zu sehen, die zum Bauhof fahren. Freundliche Mitarbeiter helfen bei der Befüllung der Wassertanks. Am Hydranten wird gefachsimpelt, wieviel Wasser man benötigt und wie man das Wasser in das Wohnhaus oder die Ställe bekommt. Manche Anwohner befüllen ihre Quelltöpfe. Im Idealfall können sie ihre Autos am Anhang abstellen und bei vorhandenem Gefälle über ein normales Gartenschlauchsystem den Quelltopf befüllen. Andere stellen die Anhänger mit Wassercontainer vor das Haus oder den Stall und befördern das Wasser mit einer Tauchpumpe in ihr Wassersystem.
Die Folgen für die Landwirtschaft
Die Folgen für die Landwirtschaft sind erheblich. Eine Biolandwirtschaft im Süden der Gemeinde hat den Bedarf für die Tiere zwischen 60 und 100 Liter pro Tier/Tag berechnet. Nicht nur benötigen die Rinder viel Trinkwasser bei hoher Ausdünstung im warmen Sommer, sondern es besteht auch ein hoher Bedarf an Wasser für die Hygiene des Melkstandes. Der Viehbestand der biologischen Landwirtschaft musste um 10 Prozent reduziert werden. Die betriebseigene Forellenzucht musste reduziert werden. Die Fische wurden geräuchert und lagern nun in der Tiefkühltruhe. Der trockene Sommer wirkte sich auch auf die Futtermittelproduktion des Biobetriebes aus. Die Wiesen wuchsen nicht ausreichend nach. Einige Wochen im Sommer konnte das benötigte Wasser noch vom Nachbarn bezogen werden, berichtet das Mitglied der familieneigenen Biolandwirtschaft. Doch im Laufe des trockenen Sommers 2026 versiegte auch die Quelle des Nachbarn. Nun müssen auf dem Traktoranhänger zweimal täglich 4000 Liter Wasser (siehe Photo) vom gemeindeeigenen Bauhof geholt werden.
Ein anderer Bauer berichtete während eines Plausches am Hydranten, dass er 70 Rinder und 50 Kälber habe. Er müsse 3 mal täglich die 3 Kilometer zum Gemeindehydranten fahren, um insgesamt 6 Kubikmeter Wasser pro Tag auf seinem Anhänger zu transportieren. Die Kühe tränken viel bei warmem Wetter. Der Melkstand müsse sauber gehalten werden.
Ausschuss der Gemeinde
In der öffentlichen Sitzung des Bau- und Umweltausschusses am 5. Oktober 2026 der Gemeinde Wiggensbach blieb auf Nachfrage unklar, wie viele Haushalte und landwirtschaftliche Betriebe derzeit ohne Wasser oder mit erkennbar sich leerenden Zisternen leben. Zwar stellt die Gemeinde Wasser zur Verfügung, jedoch müssen die Anwohner und landwirtschaftliche Betriebe den Transport selbst organisieren. Da viele Betriebe noch Wasser von Nachbarbetrieben bezögen, könne man sich noch kein klares Bild von der Größenordnung des Wassermangels in Wiggensbach machen. Auf eine weitere Nachfrage hin wurde angegeben, dass der Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung vor allem in den Außenbereichen der Gemeinde in Planung sei, dies jedoch insgesamt circa 10 Jahre dauern könne. Auf der Homepage der Gemeinde findet sich ein Eintrag, dass ausreichend Wasser zur Verfügung steht, jedoch um Sparsamkeit gebeten wird.
Brunnen ist historisches Denkmal
Die Wiesen im Voralpenland sind grün. Die Erde im Garten ist feucht. Die Obstbäume tragen. Warum gibt es kein Wasser? Das Wasser in den unterirdischen Zisternen, die die Endmoränen hinterlassen haben, ist verbraucht. Dieser Teil des Grundwasser ist gesunken nach der monatelangen Regenfreiheit im Sommer 2026. Es hängt von der Regen- und Schneemenge im Winter ab, ob sich diese wieder füllen werden. „Unser Brunnen im Garten ist nun ein historisches Denkmal“ bemerkt ein Hauseigentümer zynisch-ironisch, der nun auch nach einer Lösung für das fehlende Wasser sucht.
Kolpingfamilien informiert:
Am 23. Oktober, um 19:30 findet im Kapitel Saal Wiggensbach eine Veranstaltung: „Wasser wird knapp – Ursachen verstehen, Lösungen finden“ statt.
Quelle: Niedrigwasserinformationsdienst Bayern: https://www.nid.bayern.de

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