Überrascht von sich selbst – Kreis KleverInnen gegen rechts
„Man sieht sich…“ sagte der Kollege mit vielsagendem Blick in meine Richtung. Ich traf ihn bei der Veranstaltung des Bündnisses „emmerich.demokratisch.vielseitig“. Der Kollege ist auch dabei, dachte ich. Er ist auch gegen rechts und sofort habe ich ein anderes Bild von ihm. Einer, mit dem ich mich jenseits des Berufsalltages austauschen kann, dachte ich.
Man fühlt sich schlecht bei den Entwicklungen der letzten Monate. In allen europäischen Staaten sind rechte Strömungen, Organisationen und Parteien entstanden. Sie sitzen in den Parlamenten oder stellen die Regierung. Die deutsche AfD wird stärker, und viele sorgen sich um unsere Demokratie. Doch es gibt Bewegung gegen rechts, es gibt sie überall, auf dem Land und in der Stadt, auf der Straße und in vielerlei Begegnungsstätten organisiert von ganz unterschiedlichen Initiativen und Institutionen.
Die Kreis KleverInnen bewegen sich
Es gab etliche Demonstrationen im Kreis Kleve in den letzten Monaten: Demonstrationen gegen rechts in Kevelaer (am 14. Januar 2024), in Kleve (am 21. Januar 2024), in Emmerich (am 03. Februar 2024), in Kalkar (am 17. Februar), in Sonsbeck (am 07. 04.2024). Die Demonstration in Kalkar startete an der Schule mit einer Einleitung der SchülerInnen des sozialwissenschaftlichen Kurs. Die Demonstration in Kleve war so gut besucht, dass die Menschen am Bahnhof noch nicht losgelaufen waren, als eine große Menschenmenge schon den Platz vor der Schwanenburg bevölkerte für eine Kundgebung. Mutmaßlich waren es an die 10 000 DemonstrantInnen. Kleve hat circa 53 000 EinwohnerInnen. Die von circa 2000 Menschen besuchte Demonstration in Emmerich endete mit der Europahymne vor dem Rathaus.
Die Kreis KleverInnen organisieren Veranstaltungen
„Erstaunlicherweise war es einfach…“ sagte die SPD Kreistagsabgeordnete Andrea Schaffeld-Pastoors zur Entstehung des Bündnisses. Im Oktober 2023 war in Emmerich ein Kernbündnis gegen rechts gebildet worden. Dieses besteht aus mehreren Vereinigungen: SPD, BGE (Bürgergemeinschaft Emmerich), CDU, Bündnis90 Die Grünen, FDP, AWO, Integrationsrat der Stadt Emmerich sowie die Kulturvereine Kultur,Künste,Kontakte und Bürgeraktion Pro Kultur e.V.
Dieses Bündnis bot eine von über 150 Menschen im Emmericher PAN Museum (am 9. April) besuchte Veranstaltung gegen rechts an mit Beteiligung des Sozialwissenschaftlichen Kurses der Gesamtschule. Professor Klaus Peter Hufer von der Fakultät Bildungswissenschaften der Universität Duisburg leitete die Veranstaltung ein mit einem Überblick über die Entstehungsgeschichte der Demokratie. Der anschließende workshop mit Übungen zum Umgang mit Stammtischparolen von rechts moderierten die jungen Schülerinnen und Schüler. Eine weitere Veranstaltung in Emmerich fand am 15. Mai statt. Stephan Anpalagan (Theologe und Journalist) hielt einen humorvollen, interaktiven Vortrag. Das Publikum sollte die Frage „Was ist deutsch?“ beantworten. Die Sammlung enthielt Begriffe wie Bier, Pünktlichkeit, Vielfalt, Grundgesetz, Sprache, Nationalhymne als Antwort. Stephan Anpalagan erläuterte die „typisch deutschen“ Eigenschaften wie Pünktlichkeit mit der „Pünktlichkeit“ der deutschen Bahn. Die Nationalhymne der Deutschen wurde von einem Österreicher, nämlich Joseph Haydn komponiert, der Text wurde auf der damals britischen Insel Helgoland von Hoffmann von Fallersleben geschrieben. Diesem wurde wegen staatfeindlicher Aktivitäten die preußische Staatsbürgerschaft entzogen. Das „Deutsche“ ist also ziemlich international und auch ziemlich unklar.
Wie erkennt man rechte Stammtischparolen?
Professor Hufer beschrieb, ein generelles Zeichen von oft nicht sofort erkennbaren rechten Stammtischparolen sei die Einteilung in „wir“ und „ihr“. Sätze wie „Die da oben (Politiker) machen doch, was sie wollen“, „Politik ist ein schmutziges Geschäft“ oder „wenn das so weitergeht mit der Zuwanderung, gibt es bald keine Deutschen mehr…“ Diese Gegensätze zeigen eine heile „Wir-Welt“ und eine bedrohliche „Ihr-Außenwelt“. Die Parolen hätten oft ein Überraschungsmoment, das einen sprachlos mache und zunächst in die Defensive bringe. Man solle sich nicht irritieren lassen durch diese Wirkung, sondern Ruhe bewahren und Argumente suchen. Es gäbe auf die Dauer gute Chancen, dass die Argumente wirken.
Die Wirkung auf uns selbst
Es war interessant zu beobachten, wie ungläubig die TeilnehmerInnen der Veranstaltungen auf die große Zahl der MitstreiterInnen blickten. Man sah sich verstohlen um und dachte: „das kann nicht wahr sein“. So viele Menschen, die gegen rechts auf die Straßen gehen. „Das hätte ich dem konservativen Kreis Kleve nicht zugetraut“, sagte ein Teilnehmer einer Demonstration. Man traf Bekannte und freut sich darüber. Ein circa 55-Jähriger, sozial sehr engagierte Mann sagte: „ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Demo.“
Die Wirkung der Veranstaltung auf die Menschen ist erfreulich, jedoch uneindeutig. Ja, natürlich, in dem allgemeinen Unbehagen brauchen wir eine Verortung. Die Kreis KleverInnen leben in einem hoch verdichteten Landkreis mit vielen Kleinstädten. Die CDU war über Jahrzehnte unantastbar meinungsbildend. Aber sind Parteien heute noch die richtigen Institutionen der politischen Verortung? Das Unbehagen von den auf den Land lebenden Menschen wird vermutlich anders erlebt als in den Rheinruhrmetropolen, in Thüringen oder in Bayern. Wer sind wir, die wir auf dem Land an der holländischen Grenze leben und eine große Präsenz gegen rechts zeigen? Ganz sicher waren die Menschen, die im letzten Jahr im Kreis Kleve gegen rechts aufgestanden sind keine Randgruppe, sondern eine Mehrheit. Diese Mehrheit muss über Sichtbarkeit im politisch-öffentlichen Raum jenseits von Parteien nachdenken. Und es braucht Handwerkzeug im Alltag, wie zum Beispiel Seminare gegen Stammtischparolen.
Wir sollten uns nicht unterschätzen und an unsere Selbstwirksamkeit beim Erhalt und der Gestaltung der Demokratie glauben. Wir haben keinen Grund, uns dies nicht zuzutrauen.
Die erfreuliche Begegnung mit meinem Kollegen und anderen Menschen der Region wird sicherlich zu mehr Gesprächen, Austausch, Vernetzung oder sogar Aktivitäten führen. Wir werden rausfinden aus der zivilisatorischen Starre. Wir Bürgerinnen und Bürger werden uns ein neues Bild von uns selbst jenseits von Parteien oder Rechts-Links Schemata machen. Wir arbeiten so an der Demokratie und bilden vielleicht neue Arten von Gemeinschaften. Zu dieser Hoffnung gibt es jede Menge Grund.
Termine:
31.07.2024, 19 Uhr, Kolpinghaus Goch: DemokraTisch – Treff für Demokratie Fans organisiert vom AWO Kreisverband Kleve e.V. www.awo-kreiskleve.de, Pressekontakt: Natalie.Guntlisbergen@awo-kreiskleve.de
Politischer Abend am 15. September 2024, 20:00 Uhr: 75 Jahre Grundgesetz “ Die Würde des Menschen ist unantastbar…“ eine musikalische Lesung mit Roman Knizka und dem Bläserquintett Opus 45 im Stadttheater Emmerich, Grollscher Weg 6, 46446 Emmerich am Rhein
Bücher:
Klaus Peter Hufer: „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ ISBN 978-3-87920-054-2 u.v.a.m.
Stephan Anpalagan: „Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft.“ S. Fischer, Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-10-397198-9.
CATHERINA STAUCH
PHOTO: CATHERINA STAUCH