„Das demokratische Weltparadies wird kommen“ dachte sicherlich eine Mehrheit der erwachsenen Menschen in Deutschland in den ersten Jahren nach dem 9. November 1989. Unter ungeklärten Umständen war die Berliner Mauer aufgegangen. Infolge dieses euphorisierenden Ereignisses löste sich die sowjetische Völkergemeinschaft auf. Nun gab es keine Menschen mehr, die vor dem eisernen oder hinter dem eisernen Vorhang lebten. „Es würde nie wieder Krieg geben, da diese Ost-West Aufteilung beendet sei,“ dachten viele Menschen in der ganzen Welt. Es waren insbesondere Menschen, die einen oder zwei Weltkriege erlebt hatten oder deren Nachkommen, die Kriege aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern kannten. Das Weltziel wäre erreicht: Der Souverän wäre das demokratische Volk. Und fast niemand stellte die Annahme in Frage, dass alle Menschen zu diesem Volk gehören wollten.
Niemand konnte wissen, was in den 15 Staaten der Sowjetunion passieren würde. Im Westen kannte man kaum die Namen der einzelnen Völker in der Sowjetgemeinschaft. Sehr viele westliche BürgerInnen unterstellten, dass sich alle Menschen in den postsowjetischen Staaten für die Einführung von demokratischen Ordnungen engagieren würden. Man würde nur Wahlen brauchen und dann würde alles seinen Gang gehen. Im Sinne einer Demokratie. Wer aber waren „alle“? Wer waren die Menschen, die hinter dem sogenannten eisernen Vorhang gelebt hatten? Wie hießen die Länder? Welche Religionen hatten sie? Welche politische und geschichtliche Traditionen hatten sie? Welche Kulturen hatten sie geprägt? Im Westen interessierte man sich nicht sehr aktiv für die ehemaligen Sowjetrepubliken. Über viele Jahre vor dem Mauerfall und nach dem Mauerfall war man gewohnt, dass die östlichen Länder wenig Raum in den Medien einnahmen. Auch die Ukraine fiel in diesen Bann des geringen westlichen Interesses.
Die Ukraine taucht zunehmend in den Betrachtungen des Westen auf
In den 2000-er Jahren erscheinen in den Nachrichten Städtenamen wie Kiew oder Odessa immer öfter. Auch von der Halbinsel Krim hatte man gehört. Die Krim verursachte eine diffuse Vorstellung von einem Paradies. Warum eigentlich? Weil dort der Krimsekt fließen soll? Aber Krimkriege hatte es doch auch gegeben, oder? Odessa klang auch bekannt. Die Stadt liegt am Schwarzen Meer und „Westler“ hatten vor dem Mauerfall günstig Urlaub am Schwarzen Meer machen können. Die „Akte Odessa“ kannte man als Buch und Film im Westen. Aber bei der Hauptstadt Kiew wurde es schon kritisch. Zumindest wusste man, dass die Boxerbrüder Klitschko aus Kiew stammten. Aber die vor dem 2. Weltkrieg berühmte Schriftstellerin Irène Nemirovski war unbekannt. Sie stammt aus Kiew, stellt man heute mit Erstaunen fest.
Tschernobyl? Die Stadt liegt circa 100 km nördlich von Kiew, aber zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe eben auch in der Sowjetunion. Schon wieder dieser diffuse ferne Osten. Heute kennt man zumindest die Bahnsteige von Kiew. Seit dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 steigen die westlichen Politiker und Politikerinnen aus Zügen aus. Der Flugraum ist seit Beginn des Krieges gesperrt.
Wer sich für SchriftstellerInnen interessierte, kannte das vor dem zweiten Weltkrieg als multikulturell beschriebene Lemberg, heute Lviv. Diese Stadt liegt in der heutigen westlichen Ukraine. Von dort kommen Stanislaw Lem und Joseph Roth. Wilhelm Reich, ein sehr bekannter Psychoanalytiker in der linken Szene des Westens der 70-ziger und 80-ziger Jahre, kommt aus Dobzau, heute Ukraine. Paul Celan und Rose Ausländer, die großartigen Dichter, kommen aus Czernowitz, heute Ukraine. Auch der amerikanische Schriftsteller Louis Begley stammt aus der heutigen Ukraine. Der Maler Kasimir Malewitsch ist in Kiew geboren.
2004 verfolgten man die Demonstrationen auf dem großen Platz in Kiew, genannt Majdan: die Orange Revolution. Es ging um die Präsidentschaftswahl und die Ausrichtung nach Westen oder in Richtung der russischen Föderation. Die durchschnittlichen BewohnerInnen des Westen konnten schlecht unterscheiden, welche Machtverhältnisse bei dieser Präsidentschaftswahl ausschlaggebend waren. Aber mit einer gewissen Befriedigung nahm man wahr, dass es doch viele Menschen gab, die sichtbar für die Ausrichtung nach Europa demonstrierten. Natürlich gab es auch Menschen, die nach Russland tendierten. Das ist eben der Kampf um die Demokratie, dachte man sich und wandte sich ab.
Nach der Kriminvasion 2014 glaubt man noch an Gespräche, in der Politik Diplomatie genannt. Die Minsker Abkommen bewiesen es doch. Mit Gesprächen und Verhandlungen kann man die Welt ordnen, in diesem Fall in der Ostukraine, den Oblasten Lugansk und Donbass. Und dann der Schock. Seit dem 22. Februar 2022 befindet sich die Ukraine im Krieg mit seinem Freund oder seinem Feind Russland, je nach Ausrichtung. Das Land ist durch diesen Schock in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt. Die Ukraine wird mehr wahrgenommen. Ukrainische Bücher kommen in deutscher Übersetzung auf den Markt. Donezk Girl erschien in deutscher Übersetzung beim Verlag Friedrich Mauke in der Edition Europastraße.
Illusionslose Ich-Erzählerin
In Donezk Girl beschreibt die Ich-Erzählerin sich und ihre Umgebung sarkastisch und ironisch. „Sehen sie mich an. Ich werde bald dreißig und bin Single. … kein einziges Mal machte ich einem Mann Frühstück, niemand brachte mir je Kaffee ans Bett oder an den Tisch. Ich hatte nie ein Date wie im Kino… ich weiß nicht, wie sich ein Ehekrach anfühlt… (wie) ein gemeinsames Budget zu haben…. sehen Sie, ich bin eine glückliche alte Jungfer…die Frauen in unserem Haus wurden geschlagen. Suizide waren bei uns nichts Besonderes mehr.“ Nüchtern überlegend entschied sie sich für den Guerillakrieg. Sie liebte Technik und Systeme. Sie war unauffällig und klein. Ironisch sagte sie sich: mein bisheriger Nachteil, keine Familie zu haben ist nun ein Vorteil.
Sie entdeckt ihr künstlerisches und unternehmerisches Talent eher zufällig. Illusionslos nicht nur in Bezug auf die herrschenden Geschlechterverhältnisse, sondern auch in Bezug auf das herrschende System baut sie eine Buntglasfabrik auf, mit Männern und mit einigen Frauen. Sie weiß, dass die Schutzgelderpresser kommen werden. Sie hatte keine Protektion in den Behörden. Sie übt sich im Beobachten der Umgebung, um handlungsfähig zu bleiben. 2014, als der Westen von der Invasion der Halbinsel Krim erfuhr und die Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan die internationalen Nachrichten dominierte, wurde ihr Unternehmen immer mehr zu einem Ort des Informationsaustausches. Es wurde zu einer Organisation, die Materialien an die Ukrainer lieferte, die sich mit Ortungstechniken auskannte und somit die Bewegungen der Aktivisten und ihrer Gegner verfolgen konnte.
Wer gehört zu wem?
„Alle hatten sich verändert. Ich erkannte die Menschen nicht mehr wieder. Ich hatte Angst vor Ihnen“ beschreibt die Erzählerin die Veränderungen in der Ostukraine 2014. Fakten und Lügen waren nicht
mehr zu unterscheiden. Plötzlich gab es die ukrainische Fahne nicht mehr. War die Ukraine verschwunden? Es tauchten Buchstabenfolgen auf, die es bisher nicht gab. DNR, Volksrepublik Donezk. Kinder litten in den Schulen, wenn bekannt wurde, dass ihre Eltern für die Ukraine demonstriert hatten. Im Gespräch musste die Zugehörigkeit der Menschen, russisch oder ukrainisch erraten werden. Parallele Dimensionen und Realitäten zogen in den Alltag ein. Sprachen die Menschen von „Kämpfern und Soldaten“, gehörten sie zur Ukraine. Wurde von „Kerlen und Jungs“ gesprochen, gehörten sie zur russischen Seite. Die Nachbarn schauten aneinander vorbei. Nach und nach, auch durch soziale Medien, fanden diejenigen zusammen, die sich Ukrainer nannten. Menschen verschwanden und gleichzeitig bildeten sich Netzwerke und wurden immer wichtiger. Wütende Rentner waren die Feinde der Ukrainer. „Die Stadt entleerte sich. Spielplätze verstummten, das Stadion wucherte zu. Märkte und Kioske schlossen….Die Menschen schauen zu Boden oder in den Himmel, um den Anblick der ungesicherten Maschinengewehr zu vermeiden.“
Zusammen mit ihrem Netzwerk kämpft sie sich zur Front durch und organisiert Nachschub für die ukrainische Armee. Sie kämpft ohne Schutzausrüstung mit Hosen aus dem Jahr 1937. Das Netzwerk organisierte Optik, Medizin, Kommunikationsgeräte. Und wieder fragte jemand, diesmal die ukrainischen Soldaten: „wer seid ihr?“. “ Wir sind Menschen, Ukrainer.“ Und wieder erlebte sie die Hierarchie der Geschlechter. Frauen gerieten auch zwischen diese Fronten. Sie war diejenige, die Barometer, Kampfgurte und Tourniquets ausfindig machte. Nicht typisch für Frauen in der Ostukraine. Nach der Erholung von ihrem Polytrauma an der Front kehrt sie zurück nach Donezk und erlebt die Stadt im Konsum, mit fließendem Wasser, Strom und der Sorge um Parkplätze. Wieder empfindet sie ihre Situation als nur durch sie selbst wahrnehmbare Paralleluniversen. „Diese tiefe Erschütterung, als wir sahen, dass unsere Kommandeure für den Feind arbeiteten“. „…und das Gebilde, das wir für einen Staat gehalten hatten, (ist) in Wirklichkeit in sich selbst verkapselt, blockiert und gelähmt in Angst und Unfähigkeit.“ Viel Verwirrung in dem Chaos. Die Erzählerin beschwört sich selbst: ich bin Zeuge, ich bin Zeuge, ich bin Zeuge.
Das Land wird sichtbar durch den Krieg
Es ist bitter, dass dieses Land erst durch einen Krieg sichtbarer wird. Und doch ist man neugierig geworden auf die Ukraine. Man wünscht sich, die Ukraine kennenzulernen, sie zu bereisen. Welches sind die Millionenstädte, die wirtschaftliche Stärken, die Kultur, die Mentalitäten, die Landschaften, die Küsten dieses Landes mit circa 35 Millionen EinwohnerInnen? Man will sich klar machen, mit welchen anderen Ländern es Grenzen teilt und wie seine Geschichte mit Europa, also im wesentlichen mit der heutigen europäischen Union verwoben ist. Und es wäre interessant, die Bezüge zu dem asiatischen Raum kennenzulernen. In Donzk Girl erfährt man einiges über die Zerrissenheit der Ostukraine. Schon der Titel zeigt in deutscher Übersetzung eine Spaltung mit der Verwendung des englischen Wortes „Girl“. Wobei man sich fragt, was „Girl“ mit Guerillakämpferin zu tun hat.
In traumatischen Lebenssituationen hilft häufig bewusstes ästhetisches Erleben. Vielleicht ist das der Grund, warum die 16 Kapitel jeweils zwei Überschriften haben, eine deskriptive und, etwas rätselhaft, eine, die Farben und Materialien und deren Wirkung ausdrücken. Diese Überschriften stellen die Verbindung zu der Berufung der Hauptperson in der Glaskunst dar. Die Überschriften heißen Kristall, Smalte, Patina, Anthrazit, Bernstein, Korallen, Silber, Rubin, Spiegel, Karneol, Limonit, Glimmer, Akrylglas, Aquamarin, Gold, Glimmer. Der Gedanke an die Schönheit der Materialien dürfte im Leben der Guerillakämpferin eine wichtige Stütze gewesen sein.
Das Glossar hilft den Leserinnen und Lesern bei der Einordnung von Begriffen und Namen aus der Geschichte der Ukraine.
Text: CATHERINA STAUCH Photos: CATHERINA STAUCH
Donezkgirl: Original 2019 in Kyiv, Ukraine Übersetzt von Lukas Joura, Annegret Becker, Alexander Kratochvil
Verlag Friedrich Mauke, Edition Europastraße ISBN 978-3-948259-12-9 www.mauke-verlag.de 360 Seiten
Zum Weiterlesen empfohlen von Reinhard Veser in der FAZ vom 14. April 2026:
- Andrij Portnow: Ukraine-Studien. Einführung. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2025
- Martin Schulze Wessel: Die übersehene Nation. Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert. C.H. Beck Verlag. München 2025 ISBN 978-3-406-82174-5
